Korrigierst du noch oder trainierst du schon?

Korrigierst du noch oder trainierst du schon?

Was ist „korrigieren“?

Ich höre oft das Wort „korrigieren“ in Bezug auf Hundeverhalten. Man müsse schlechtes Verhalten oder eine falsche Reaktion korrigieren, damit der Hund weiß, dass das falsch ist. Meistens bedeutet Korrektur in diesem Zusammenhang, dass an der Leine geruckt oder auf sonst eine Weise gestraft wird.

Ein Beispiel:

Wenn der Hund sitzen soll, wird am Halsband geruckt und am Po gedrückt. Irgendwann setzt sich der Hund, und die unangenehmen Einwirkungen hören auf. Das wirkt belohnend, und darum kann das funktionieren. Allerdings wird die gesamte Prozedur zuvor als unangenehm verknüpft. Es handelt sich um Strafe.

 

Welche Verknüpfungen finden statt?

Wenn der Mensch das Wortsignal sagt, hat der Hund, der häufig bestraft wird, unangenehme Assoziationen. Von einer freudigen, freiwillig gezeigten Reaktion ist also keine Spur zu sehen.

Statt dessen sieht man einen Hund, der etwas Unangenehmes vermeiden will, und sich deshalb setzt.

Die Körpersprache eines solchen Hundes wird oft als „gehorsam“ angesehen. Gehorsam ist aber kein Gefühl, das über Körpersprache ausgedrückt werden kann. Denn Körpersprache besteht aus nach außen gezeigten Gefühlen.

 

Emotionen

Ein Hund, der  ein Signal über „Korrektur“ gelernt hat, will Unerfreuliches vermeiden. Sein Gefühl ist Angst. Er hat Angst, dass das doofe Verhalten seines Menschen wieder beginnen könnte. Wenn die Verknüpfung der Strafe mit dem Signal und seinem Verhalten überhaupt stattgefunden hat, dann wird er gehorchen, um das strafende Verhalten seines Menschen zu vermeiden.

Das Wortsignal wird also mit Angst verknüpft. Angst hemmt die Funktionen des Präfrontalen Kortex, das ist der denkende Bereich des Gehirns.

Angst erfüllt eine wichtige Funktion. Das Lebewesen soll befähigt werden, ohne viel nachzudenken eine schnelle, passende Reaktion zu zeigen: Flucht oder Angriff. Schließlich entsteht Angst ja nicht einfach so, sondern weil etwas als unangenehm, bedrohlich oder gar lebensgefährlich eingestuft wird. Natürlich ist diese super-schnelle Reaktion vor allem bei lebensbedrohlichen Situationen wichtig, aber sie wirkt genau so bei weniger relevanten Situationen, wenn auch vielleicht ein wenig verringert in der Intensität.

In unserer Situation kann der Hund aber nicht flüchten, denn er ist vermutlich an der Leine. Angriff? Nun, es soll vorkommen, dass Hunde sich gegen das unangebrachte Verhalten ihres Menschen wehren, und sie haben Recht. Ich selbst hatte so einen Hund. Viele Hunde überleben das leider nicht lange, weil sie wegen angeblich tiefer Verhaltensstörung in Form von Aggression eingeschläfert werden.

 

Verknüpfungen, die vielleicht nicht erfolgen können

Wie gerade erwähnt, wird durch Angst das Denken gehemmt. Bei großer Angst sehr stark, bei geringeren Abstufungen eben auch nur teilweise. Oft kannst du das ablesen an der Reaktion deines Hundes. Wenn er dich nicht anschauen kann, wenn er sich abwendet, dir auf keinen Fall in die Augen schauen will, scheinbar mit was anderem beschäftigt ist, dann ist er in einem Konflikt, und kann ihn gerade nicht lösen. Innere Konflikte entstehen bei Bedrohung, wenn man gerade nicht weiß, wie man das Problem lösen kann.

Darum ist es gar nicht so sicher, dass der Hund, der gestraft wird für eine falsche Reaktion, diese Strafe mit dem verknüpft, was er tut. Vor allem ist es sehr wahrscheinlich, dass er die richtige Reaktion noch gar nicht gut genug gelernt hat. Er weiß nicht genau, was von ihm verlangt wird. Wie soll der Hund dann die Verknüpfung herstellen können, dass es nicht richtig ist, sich auf das Signal „Sitz“ hinzulegen? Oder stehen zu bleiben?

Er wird bei beiden Reaktionen bestraft, wenn er sich hinlegt und wenn er stehen bleibt. Der Mensch denkt: „Blöder Hund, ich habe SITZ gesagt, also setz dich verdammt noch mal hin!“ Aber der Hund weiß das nicht, weil er a) noch nicht genug „Sitz“ gelernt hat, und b) nach zwei Versuchen nicht besser weiß, was er tun soll, sondern eher frustriert und verzweifelt ist, weil jede Reaktion von ihm bestraft worden ist und die Bezugsperson zunehmend aggressiv wird. Es fehlt der Mut für einen neuen Versuch.

Stelle dir einfach eine Prüfungssituation in Chinesisch vor. Der Prüfer fragt dich, was ein bestimmtes Wort für eine Bedeutung hat. Du sagst deine Antwort, aber der Prüfer sagt:“Falsch!“ Du überlegst, und fühlst die Angst aufsteigen. Was wenn dir das Wort nicht einfällt? Du probierst es noch einmal. „Falsch!“ ist die Antwort. Mist. Jetzt kannst du gar nicht mehr klar denken, und bist sicher, die richtige Antwort noch nie gehört zu haben. Dir fällt ab jetzt gar nichts mehr ein, du hast ein Black Out.

 

Muss man denn nicht korrigieren?

Viele denken, wenn sie dem Hund nicht durch Strafe zeigen, dass er die falsche Verhaltensantwort gibt, lernt er es nicht richtig. Eigentlich haben diese Menschen selbst Angst. Angst zu versagen. Angst dass der eigene Hund nicht richtig hört. Angst, dass jemand zuschaut und sie auslacht. Angst, dass der Hund dominant sein könnte, und ihnen über den Kopf wächst.

Angst sollte eine Funktion haben. In den passenden Situationen ist sie ein guter Berater. In dieser Situation eher nicht.

Wenn du dir anschaust, was wir festgestellt haben über die Verknüpfungen, die der Hund macht und über die, die er vielleicht nie macht, zweifelst du vermutlich schon langsam an der Notwendigkeit der Korrektur.

Wenn du dir weiter überlegst, dass dein Hund eigentlich tiefes Vertrauen in dich haben soll, und dir mit Freude gehorchen soll, dann müsstest du endgültig verstehen, dass der strafende Weg nicht dort hin führt.

 

Nebenwirkungen der Korrektur

Strafe macht hibbelig, unruhig, aggressiv und ängstlich. Druck im Training führt zu Gegendruck, Angst, Aggression oder  in schlimmen Fällen zu erlernter Hilflosigkeit. Auf jeden Fall führt Training mit Strafe zu einem gestressten Hund, und in den meisten Fällen auch zu einem gestressten Halter. Denn die Stimmung zwischen Mensch und Hund ist natürlich auf dem Nullpunkt – es herrscht schlechte Laune. Stress und schlechte Laune bewirken, dass Lernen nicht gut möglich ist. Außerdem macht es einfach überhaupt keinen Spaß.

Hunde, die ein Signal nicht befolgen, sind weder dominant noch stur. Sie haben nur noch nicht lange genug mit der richtigen Verknüpfung gelernt, was genau das Signal bedeuten soll.

Meistens sind es Ablenkungen, die dafür sorgen, dass Fiffi nicht das tut, was der Mensch will. Also müsste der Mensch sich noch etwas Zeit nehmen, um das Training an Ablenkungen zu vervollständigen. 

 

Nicht korrigieren? Was soll ich statt dessen tun?

Wenn du nun nicht korrigieren willst, was machst du statt dessen?

Das ist eine spannende Frage. Denn: Sie ist auch die Frage, die dein Hund stellt. „Ich soll nicht liegen? Was soll ich denn statt dessen tun?“ Genau deshalb baue ich viel lieber gutes Verhalten auf, als unerwünschtes Verhalten zu bestrafen. Bei sehr probierfreudigen Hunden strafst du dich nämlich tot, bis der kapiert, was du von ihm willst. Und was ich hier so flapsig formuliere, ist der pure Stress für den Hund, und zerstört eure Beziehung. Denke nur an das Beispiel von der Prüfung in Chinesisch.

Warum sagst du deinem Hund nicht einfach, was du dir wünschst? Du weißt doch, dass du über Belohnungen Verhalten aufbauen kannst. Belohne deinen Hund also, wenn er dein Signal richtig ausführt. Freue dich, und zeige es ihm! Lache, wenn du glücklich bist, weil dein Hund plötzlich so schlau erscheint. Und belohne ihn fürstlich für seine tollen Einfälle.

Hunde sind nicht doof. Sie lernen nur anders. Eben wie Hunde.

Wir können nur mit ihnen arbeiten, wenn wir verstehen, wie das Lernen im Hundegehirn funktioniert. Und was wann passiert, und wie sich das für den Hund vermutlich anfühlt.

Eigentlich magst du doch deinen Hund, oder? Selbst wenn du bisher nur das Korrigieren gekannt hast, würdest du sicher sagen, dass du deinen Hund liebst. Du glaubst nur, dass diese Form von Erziehung passend sei für Hunde, weil es dir so gesagt wurde. Jetzt komme ich daher, und sage, lasse es. Also das Korrigieren.

Warum solltest du mir glauben?

Du musst mir gar nicht glauben. Du kannst es einfach probieren. Sei kritisch. Beobachte genau, was du tust. Frage dich immer, ob es das ist, was du eigentlich tun willst.

Schimpfst du gerne? Ruckst du einfach liebend gern an der Leine? Ich fürchte, dann kann ich dir nicht helfen.

Wenn du das alles nicht magst, und es nur nicht anders kennst, dann kann ich dir helfen. Ich und alle Trainerkolleginnen und Kollegen, die den fairen und gewaltfreien Weg gehen. Mit Hunden und Kunden.

 

Gewaltfrei beginnt mit Verständnis

Der erste Schritt ist, die Welt mit Hundeaugen zu sehen. Verständnis zu finden für die Bedürfnisse deines Hundes. Zu erkennen, wie weit weg von normalem Hundeverhalten unsere Ansprüche oft sind.

Dein Hund wird nie verstehen,

  • warum er an der Leine gehen soll,
  • nichts Gefundenes vom Boden fressen darf,
  • Menschen weder vertreiben noch freudig begrüßen darf mit unterwürfigem Lefzenlecken (was kann der Hund dafür, dass die menschlichen Lefzen so weit oben sind – dann springt er eben!),
  • dass er nicht jagen darf,
  • dass er sitzen muss an der Straße,
  • dass er an fremden Hunden vorbei gehen soll, ohne mit ihnen zu diskutieren,
  • dass er sofort kommen soll, wenn du rufst,
  • ach und was noch alles.

Verstehen wird er es nie, aber wenn er Vertrauen zu dir hat, und gelernt hat, was dir gefällt (bzw. was sich für ihn lohnt), wird er es einfach tun.

Mit Verständnis bekommst du einen tiefen Zugang zu deinem Hund. Eine so wundervolle Beziehung, wie du sie vorher nicht geahnt hast. Du wirst in den Augen deines Hundes sehen, wie er dich achtet und liebt. Dein Hund ist keine Maschine, die tot und gefühllos ist. Sondern genau wie du hat er Gefühle, Ideen, Vorlieben und eine Persönlichkeit.

 

Statt Kommandos zu geben, Verhaltensfragen stellen

Das tiefere Verständnis wird dich dazu bringen, den Wunsch nach einem immer „funktionierenden“ Hund ablegen zu können. Statt dessen wirst du bereit, innerlich Verhaltensfragen zu stellen, und die Antwort deines Hundes zu akzeptieren.

„Kannst du sitzen?“ – „Ja, das geht.“ Marker&Belohnung.

„Kannst du Touch?“  – „Nein. Ich muss gucken, wo das Reh läuft!“ Atmen. Entspannen, auch den Hund. Erneut probieren. „Kannst du Touch?“ – „Ja, klar!“ Marker&Belohnung.

Dein Hund sagt dir, was er in diesem Moment schafft. Beim nächsten Mal geht vielleicht schon ein bisschen mehr. Probiere es! Sei aber nicht enttäuscht, wenn es nicht geht. Du kannst nur am Verhalten ablesen, wie groß die Ablenkung wirklich ist für deinen Hund!

Korrektur passt zu einer Maschine. Wenn sie nicht funktioniert, muss ich sie reparieren. Bei einem Lebewesen spielen so viele Dinge eine Rolle, die weit über eine Maschine hinaus gehen. Die zu ergründen, sich wirklich einzulassen auf das Wesen deines Hundes – auf seine persönlichen Eigenschaften stolz zu sein – seine Bedürfnisse nicht nur bei Schlafen und Fressen zu befriedigen – ein echter Freund und Partner für deinen Hund zu sein – Das ist die Bereicherung in deinem Leben, die du dir innerlich gewünscht hast. Deswegen hast du dir deinen Hund geholt. Ich bin mir ganz sicher. Denn sonst hättest du dir auch einen Kühlschrank kaufen können.

Fazit

Viel Freude mit deinem Hund!

By | 2018-06-11T14:48:55+00:00 Juni 11th, 2018|Allgemein, Mindset|0 Comments

About the Author:

Bettina Haas, Hundetrainerin aus Leidenschaft, zeigt dir, wie du zum besten Freund und Trainer für deinen Hund wirst. Damit du schnell und nachhaltig zum Erfolg kommst und dein Leben mit Hund (wieder) richtig genießen kannst!

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