Wie du erfolgreich an Ablenkungen trainierst

„Zuerst ohne Ablenkungen trainieren.“ Vermutlich kennst du das schon – du hörst es ja immer wieder. Aber so einfach es klingt, du kommst genau da immer wieder an deine Grenze.

Es ist ja logisch und nicht sonderlich schwer zu verstehen: Jeder Hund lernt Neues am besten ohne Ablenkungen. Denn es liegt ja auf der Hand, dass ihn interessante Dinge im Lernumfeld von seiner neuen Aufgabe – ablenken. Genau.

Was stellt für deinen Hund eine Ablenkung dar?

Was eine Ablenkung darstellt, legt jeder Hund für sich selbst fest. Natürlich nicht bewusst. Vielmehr ist es sein Gehirn, das auf bestimmte Reize interessiert reagiert.

Welche Reize das sind, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Einmal von der Genetik. Denn durch die Genetik sind einige Dinge tief verankert im Verhalten. Gene bestimmen, dass ein Hund ein Hund ist, aber auch welcher Rasse er angehört. Hunde verhalten sich erst mal wie Hunde. Dennoch weiß jeder Hundehalter, wie verschieden sich Hunde unterschiedlicher Rassen verhalten können.

Zusätzlich ist jeder Hund ein Individuum, was noch eimal zu sehr individuellem Verhalten führt. Das kommt zum einen von seinen Erfahrungen, die er gemacht hat. Zum anderen auch durch die Umwelt, in der er lebt.

Daraus ergibt sich, dass auch die ablenkenden Dinge für jeden Hund unterschiedlich sein können.

Typische Ablenkungen

  • Hunde
  • Menschen
  • Wild
  • Gerüche
  • Bewegungen
  • Geräusche
  • Fressbares

Ablenkungen in der Hundeschule

In vielen Hundeschulen werden Ablenkungen gezielt eingebaut.

Zuerst wird natürlich ohne zusätzliche Ablenkungen das Signal oder das Spiel geübt, denn dann wird am besten gelernt. Es wird für ausreichend Platz gesorgt zwischen den Teams, um eine Übung aufzubauen. Nach und nach werden die Teams dichter zusammen geführt, bis sie die Übung auch direkt nebeneinander schaffen.

In anderen Fällen, wie zum Beispiel dem Rückruf, werden Verleitungen ausgelegt, Spielzeug oder Futter, an denen der Hund vorbei laufen soll, ohne sich davon ablenken zu lassen.

Die meisten Hunde lernen es ziemlich schnell, mit solchen Ablenkungen umzugehen. Denn es ist ein sicherer Rahmen, in dem das Ganze stattfindet. Hoffentlich jedenfalls.  Der Ort ist immer der gleiche. Die Hundekumpels sind bekannt, und ihre Bezugspersonen ebenfalls.

Ablenkungen im wirklichen Leben

Dagegen ist es etwas ganz anderes, auf dem Spazierweg einen fremden Hund zu ignorieren, und auf Ruf oder Pfiff sofort und geradewegs zur Bezugsperson zu rennen. Wieso? Weil es ein vollkommen fremder Hund ist! Weil er plötzlich aufgetaucht ist. Weil er auch kommuniziert, und man darauf antworten muss. Vielleicht droht er sogar, so dass man sich nur langsam bewegen darf. Würde man jetzt wegrennen, nur weil Herrchen oder Frauchen pfeift, riskiert man einen Angriff von hinten.

Aber selbst wenn der Fremde ein supernetter „ich will doch nur spielen“-Hund ist, wird deinem Hund die bekannte Übung schwerer fallen. Ihr seid nicht in der Hundeschule, und das ist ein fremder Hund. Und ein fremder Mensch dazu.

Grundsätzlich muss jede Übung generalisiert werden, das heißt, der Hund muss lernen, dass die Übung immer gleich ist, egal wo er sich befindet, und egal was um ihn herum passiert. Generalisieren ist immer eine der Aufgaben auf dem Weg zu einem gut geübten Signal, und an Ablenkungen üben eine weitere Aufgabe.

Trotzdem sind das alles noch Ablenkungen, die du ziemlich gut einschätzen kannst. Du kannst sie wahrnehmen, und häufig einigermaßen richtig einschätzen, wie groß sie für deinen Hund sind.

Es gibt aber noch andere Ablenkungen, die deutlich schwieriger einzuschätzen sind. Denn ein Punkt fehlt in der Aufzählung oben. Weißt du welcher?

Unsichtbare Ablenkungen

Gerüche können wir meistens nicht nachvollziehen. Was unsere Hunde am Wegesrand erschnüffeln, ist für uns eine fremde Welt.

Wie sollen wir da einschätzen, wie groß die Ablenkung ist?

Es gibt nur eine Möglichkeit: Die Körpersprache des eigenen Hundes möglichst gut lesen zu lernen. Denn oft kannst du an bestimmten Zeichen sehen, wie aufregend oder spannend der Geruch für deinen Hund ist.

Beobachtungsübung – Do it!

Beobachte über eine Woche lang jeden Tag, wie sich dein Hund verhält beim Schnüffeln. Wie steht er da, wie hält er die Rute, schnauft er laut ein, leckt er an der Stelle? Hat er aufgestellte Nackenhaare? Schaut er sich plötzlich um, als ob ein anderer Hund von hinten käme? Oder schaut er nach vorne, scannt in den Wald oder ins Feld? Was vermutest du, welche Art von Geruch er vor sich hat?

Wie lange dauert es, bis er dir wieder einen Blickkontakt schenkt? Zähle die Sekunden.

Ist er beim Schnüffeln auch mal so aufgeregt, dass er an der Leine zieht, als wärst du gar nicht vorhanden? Springt er plötzlich nach vorne, als ob direkt vor ihm ein Hase säße? Wie sieht er aus, wenn das so ist? Beschreibe so detailliert wie möglich die Körpersprache.

Schnüffelt er manchmal ganz entspannt, ist jederzeit ansprechbar, nimmt Futter und kann dich anschauen? Wie sieht er dann aus?

Wenn du diese Übung eine Woche jeden Tag machst, wirst du vermutlich sehr viel besser erkennen, wie abgelenkt dein Hund gerade ist. Du wirst seine Anspannung besser sehen.

Das ist das einzige, was wir tun können. Die Gerüche können wir nicht riechen wie unser Hund es kann, und sichtbar machen geht auch nicht. Also bleibt uns nur, zu lesen, was unser Hund uns mitteilt.

Schwierige Aufgabe

In meinen Augen ist die Einschätzung der Stärke einer Ablenkung eine der schwierigsten Aufgaben für jeden Hundehalter.  Auch wenn es immer so leicht klingt: „Übe zunächst ohne Ablenkung, und nimm dann nach und nach Ablenkungen dazu.“

Ja, wenn es nur so einfach wäre. Würden wir im Labor leben, wäre das kein Problem…

Aber wer will das schon!

Hey, das Leben ist bunt, wild und aufregend!

Also nehmen wir doch das Leben so schön bunt und aufregend, wie es ist. Stellen wir uns der Aufgabe, jeden Tag auf´s Neue zu erfahren und auszuloten, wie gut wir unseren Hund lesen können.

Bewusst trainieren mit Plan

Trainiere nicht „einfach so“, sondern überlege dir eine Strategie. Erstelle dir einen Plan.

Erfolgsorte nutzen …

Übe das neu Gelernte wirklich bewusst an Orten, an denen wenige Ablenkungen oder jedenfalls nicht so furchtbar spannende Gerüche sind.

…und aufbauen

Oder gehe an einen Ort und nimm dir viel Zeit mit. Lasse deinen Hund in Ruhe alle Gerüche erkunden. Gib ihm Zeit, die Umwelt dort genau zu untersuchen. Gehe hin und her mit ihm, anstatt einen langen Weg zu gehen. Wenn er dir sagt:“ Na, jetzt wird es aber langsam langweilig!“ ist es der richtige Moment. Jetzt beginnst du mit deiner Übung.

Verstärkungsgeschichte aufbauen

Je häufiger du in wirklich entspanntem Umfeld dein Signal oder deine Übung absolviert hast, um so besser klappt es später auch bei Ablenkungen. Denn dein Hund macht die Erfahrung immer und immer wieder, dass es sich lohnt, dieses oder jenes zu tun mit dir oder für dich.  Er wird deiner Entscheidung immer mehr vertrauen, dass genau das jetzt das Richtige ist. Es war ja in der Vergangenheit immer erfolgreich. Du hast dann eine gute, feste, dicke Verstärkungsgeschichte aufgebaut. Wenn das Verhalten auf die Weise stark geworden ist, lässt es sich auch von Ablenkungen nicht so leicht aus der Bahn werfen.

Lange genug mit geringen Ablenkungen üben

Scheue dich also nicht, lange genug in entspannter Umgebung ohne große Ablenkungen zu trainieren. Füge Ablenkungen dazu, die du gut einschätzen kannst. Nimm zunächst die Ablenkungen, die für deinen Hund weniger stark sind.

Setze gezielt selbst gestellte Ablenkungen ein: Spielzeug, Futter, dir bekannte Menschen…

Nimm auf keinen Fall ängstigende Ablenkungen, sondern trainiere gesondert an den Angstauslösern! Das ist äußerst wichtig.

Ablenkungen steigern

Wenn der Grundstein gelegt ist, kannst du mit steigenden Ablenkungen trainieren. Dieser Schritt bleibt dir leider nicht erspart. Es genügt nicht, nur ohne und mit geringen Ablenkungen zu trainieren, um dann auch bei den stärksten Ablenkungen Erfolg zu haben. Genau genommen musst du jedes einzelne Signal, das du nutzen möchtest, in genau der Situation üben, in der du es nutzen möchtest.

Wenn dein Hund auch beim Anblick von Wild auf deine Umorientierung achten soll, musst du es auch an Wild üben. Wenn dein Hund lernen soll, andere Menschen zu ignorieren und lieber dich anschauen soll, dann übe das genau dann, wenn euch Leute begegnen. Bestimmt fallen dir weitere Beispiele ein.

Die ganze Vorarbeit wird dieses Training an Ablenkungen höherer Stärke erst möglich machen, aber du kannst keine Abkürzung gehen, und einen Part weglassen.

Sei aufmerksam

Ich habe mich schon dabei erwischt, dass ich ein neues Signal, das ich gerade erst aufbauen möchte, plötzlich immerzu sage. In diesem Fall war es ein neues Blickkontaktsignal, ein Schnalzen, das ich ausprobieren wollte, ob es besser als ein Wortsignal funktionieren würde. Selbstverständlich wollte ich es so machen, wie hier beschrieben. Statt dessen hörte ich mich schnalzen, ohne dass mein Gehirn dabei angeschaltet gewesen war. Mein Hund war gar nicht ansprechbar, die Ablenkung war viel zu groß.

Aufmerksamkeit ist unbedingt wichtig, sonst vermasselst du dir dein Training. Wenn dir das Gleiche passiert, dann stelle dir mental vor, wie du draußen das Signal nur dann gibst, wenn du mit voller Aufmerksamkeit dabei bist. In den Pausen dazwischen entspannst du dich, und machst dir klar, dass du jetzt gerade Pause machst, und nur alte, bekannte Signale gibst, wenn überhaupt.

Sei geduldig

Wir sind oft zu ungeduldig. Wir trainieren ein paar Tage an einem Signal, und bringen es, ohne es groß zu merken, in sehr ablenkungsreiche Gegenden ein. Damit vermasseln wir uns den Erfolg, denn immer wieder hört der Hund nicht, und das Gelernte kehrt sich wieder um. Wenn „Zu mir“ bisher bedeutete, dein Hund rennt auf dich zu, bedeutet es plötzlich, dein Hund tut irgendwas anderes und du machst die Begleitmusik. Schon wird das gut geübte Signal verbraucht, es verliert seinen Inhalt, denn es wird falsch verknüpft im Hundegehirn.

  • Sorge dafür, dass ihr, du und dein Hund, erfolgreich seid.
  • Plane dein Training sorgfältig.
  • Schreibe dir die Orte auf, an denen du mit Erfolg trainiert hast, und jene, an denen es nicht geklappt hat. Übe an den Erfolgsorten weiter, um eine gute Verstärkungsgeschichte zu haben.
  • Gehe dann behutsam an die anderen Orte, und gib deinem Hund Zeit, sich wohl zu fühlen. Trainiere erst dann, wenn die Ablenkungen durch die Erkundung deutlich weniger stark sind.

Nach und nach wird das Geübte auch mit mehr aktuellen Ablenkungen klappen.

Ach ja: Und mache die Beobachtungsübung. Versprich es dir! Do it! 

 

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