Warum belohnen wir den Hund?

Müssen wir eigentlich im gewaltfreien Training zwangsweise mit Belohnungen arbeiten? Klar, wir wollen den Hund nicht bestrafen. Aber genügt nicht ein nettes Wort, und sollte der Hund nicht einfach so gehorchen? Müssen wir uns da wirklich um ihn so bemühen?

Es gibt Kunden, die glauben, sie würden sich „zum Affen machen“, wenn sie mit Futterbelohnungen trainieren. Ich antworte dann manchmal, dass es doch immer noch besser ist, als ein Bunny-Kostüm anziehen zu müssen für seine Belustigung, oder?

Aber Scherz beiseite. Die Sache mit den Belohnungen ist immer noch für viele Menschen eine unglaublich hohe Hürde. Sie erwarten von ihrem Hund eigentlich, dass er „einfach so“ zu gehorchen hat. Die Vorstellung dahinter ist die, dass wir ja schließlich in der Hierarchie oben stehen, und der Hund (vermeintlich) ganz unten, und er unsere Sprache von sich heraus versteht. Sieht man ihm doch an!

Müssen wir belohnen?Ein Wort zur Dominanztheorie

Die Idee, dass Hunde in einer strengen Hierarchie mit uns leben, und wir dafür sorgen müssten, dass der Hund versteht, dass er ganz unten steht, und damit alle Erziehungssorgen ein für allemal vom Tisch wären, ist schlichtweg FALSCH.

Vor allem deshalb, weil Hunde

1.) mit uns friedlich zusammenleben und ihr Verhalten nichts mit dem Wunsch nach der Weltherrschaft zu tun hat.

2.) die meisten unserer Wünsche einfach nicht begreifen können, die wir gar so selbstverständlich von ihnen erwarten.

Gibt es Dominanz?

Natürlich kann es zwischen zwei Hunden einen dominierenden Hund geben, und möglicherweise unterwirft sich der andere. Dies kann mit ganz kleinen, unspektakulären Zeichen geschehen, die die meisten Hundehalter schlicht übersehen. Oder auch mit viel Getöse und einem Kampf, nach dem geklärt ist, wer von den beiden heute der Sieger ist.

Das alles gibt es. Vor allem deshalb, weil wir Hunde heute ganz anders halten als noch vor 100 Jahren.

Heute begegnen Hunde ständig anderen Hunden, die sie nicht kennen. Das ist ein unnatürlicher Zustand, der für frei lebende Hunde normalerweise kaum eintreten kann. Frei lebende Hunde zeigen uns, wie sie ihr Sozialleben organisieren, und in welchen Strukturen sie leben.

Daher wissen wir heute, dass Hunde keine echten Rudeltiere sind, sondern in losen Gruppen leben. Die Hündinnen ziehen die Welpen alleine auf, und bilden keinen engen Familienverband wie frei lebende Wölfe wie der Grauwolf es heute tun.

Als man geforscht hat über das Verhalten von Wölfen, um an Wissen über Hunde zu gelangen, hat man diese Punkte völlig übersehen. Wir können unsere Hunde nicht mit heutigen Wölfen vergleichen, weil sie unterschiedliche Sozialstrukturen haben, und außerdem hatte man zuerst an Wölfen in Gehegen geforscht, die nicht miteinander verwandt waren, und folglich in keinem Familienverband lebten. Eingepfercht in einem geschlossenen Gehege entstand eine Menge Stress zwischen den Tieren, die dann teilweise auch blutig ausgefochten wurden.

In der freien Wildbahn kämpfen weder Wölfe noch Hunde viel und gern, sondern haben ganz im Gegenteil eine sehr feine Kommunikation ausgebildet, um Kämpfe so gut es geht zu vermeiden.

Es langweilt mich, das immer und immer wieder zu formulieren. Aber wir Hundetrainer müssen nach wie vor aufklären, weil es noch nicht in allen Köpfen angekommen ist. Wenn ich bedenke, dass die Dominanztheorie schon seit ca. 1980 (oder sogar noch viel früher?) widerlegt worden ist, ist es um so erstaunlicher, dass sich die alten Glaubenssätze so hartnäckig halten.

Wie sieht es der Hund?

Hunde haben sich vor ca. 15 000 Jahren (oder früher) mit dem Menschen sozialisiert. Sie sind genau deshalb so besonders, weil sie sich mit anderen Arten sozialisieren können, ohne zu „vergessen“, dass sie Hunde sind. Eine Gans hat eine Prägephase, und wird auf das erste, was sie nach dem Schlüpfen aus dem Ei sieht, geprägt. Und wenn es ein Fußball ist. Andere Gänse sind ihr dann egal, es geht darum, dem Fußball zu folgen. Hunde können eine soziale Bindung zu uns Menschen aufbauen, ohne sich einzubilden, ein Mensch zu sein. Zugleich „wissen“ sie auch, dass wir keine Hunde sind.

Hunde können also in der Gemeinschaft von Menschen leben, sich in der Gruppe der Menschen sozial verhalten und zugleich die Hundesprache sprechen und Kontakte zu anderen Hunden pflegen. Eine große Leistung. Wir sind für sie vollwertige Sozialpartner. Viele Hunde bevorzugen die Nähe zum Menschen vor der Nähe zu anderen Hunden.

Sie haben sich uns damals vor 15 000 Jahren nicht angeschlossen, um uns zu dominieren.

Die damaligen Menschen hätten die Nähe der damaligen Wölfe (die dann zu Hunden wurden über Jahrtausende) sicher nicht geduldet, wenn sie sich dominiert gefühlt hätten. Es gab genug Probleme, sie hätten sich auch kein „Haustier“ nur so zum Spaß geholt wie wir heute. Vermutlich hatten beide Seiten einen klaren Nutzen vom Zusammenleben.

Aber im Grunde ist es uns heute egal, wie das Verhältnis zwischen Mensch und Hund begann, wir wollen einfach in Ruhe mit einem gut erzogenen Hund leben, oder?

Hunde sehen, dass wir die Türen öffnen, den Kühlschrank voll im Griff haben, das Futter servieren, die Leine dran- und abmachen und vieles mehr.

Wir haben eine natürliche Dominanz. Dafür müssen wir nicht kämpfen.

Wir müssen nicht…

X drastische Verbote durchsetzen, die uns um die schönsten Kuschelstunden auf dem Sofa bringen…

X gegen unseren Hund kämpfen, weil er unerwünschtes Verhalten zeigt.

X jedes Spiel beginnen und beenden.

X einen Keks essen vor jedem Füttern, damit der Hund weiß, dass wir die Alphas sind.

X unseren Hund tagelang ignorieren, um ihm zu zeigen, wer hier der Herr im Haus ist. (Dieses Beispiel finde ich besonders drastisch, gesehen im Fernsehen bei einem sehr lustigen und sehr bekannten deutschen Hundetrainer. Der Hund sollte glaube ich draußen besser hören… und wurde im Haus tatsächlich tagelang komplett ignoriert. Ich kriege heute noch Herzrasen bei dem Gedanken…)

X und vieles mehr, was immer noch kursiert, müssen wir nicht tun.

Statt dessen können und sollten wir:

  • unseren Hund genießen als guten Kumpel, besten Freund, tollen Hund
  • ihn von Herzen lieben, so wie er ist
  • seine Bedürfnisse kennen und so gut es geht befriedigen
  • seine guten Seiten sehen und honorieren
  • wissen, was wir wollen und klare Regeln im Kopf haben
  • unsere Konzentration auf erwünschtes Verhalten setzen, das wir stärken und aufbauen
  • unerwünschtes Verhalten fair und ohne Schreck-und Schmerzreize unterbrechen
  • und wieder von vorne

Es ist so wichtig, zu verstehen, dass pure Dominanz nicht zielführend ist, und meistens auf subtile Art Gewalt darstellt. Tagelanges Ignorieren zum Beispiel ist psychische Gewalt am obligat (= unerlässlich, erforderlich)  sozialen Hund.

Wenn nicht über Dominanz, wie schaffe ich es dann, dass mein Hund gehorcht?

Gehorcht ein Hund einfach so?

Hunde tun das, was sich für sie lohnt. Verhalten fällt ja nicht aus dem blauen Himmel. Verhalten hat eine Funktion. Es werden Bedürfnisse gestillt mit Verhalten. Eigentlich genau so wie beim Menschen:

  • Wenn ich Durst habe, gehe ich zum Wasser und trinke (manche auch zum Biertresen)
  • Wenn ich Hunger habe, esse ich was
  • Wenn ich müde bin, suche ich mir ein sicheres Plätzchen und schlafe
  • Wenn ich mich bedroht fühle, verteidige ich mich.

Hunde machen das genauso. Sie haben Bedürfnisse, und versuchen immer, diese nach Möglichkeit zu befriedigen.

Die Dinge, die wir von unserem Hund erwarten, erlauben es meistens eben nicht, genau diese grundlegenden Bedürfnisse zu befriedigen:

  • Friss nicht das, was du gefunden hast
  • Verteidige dich nicht, „nur“ weil ein anderer Hund kommt
  • Komm zu mir, auch wenn da vorne der Hase läuft
  • Belle nicht, auch wenn der Nachbar im Garten ist (und du Sorge hast um deine Sicherheit)
  • Gehe dicht bei mir, und schaue mich an, auch wenn da tolle Gerüche sind
  • Springe nicht die Menschen an, die uns begegnen, auch wenn du sie freundlich stimmen möchtest
  • usw.

Dazu sind wir oft die Spaßbremse, wenn wir zurückrufen, anleinen, verbieten. Die meisten Dinge, die ein Hund tut, macht er, weil sie ihm Spaß machen.

Es ist logisch, dass der Hund nicht viel Wert auf unsere Meinung legt, oder?

Wenn wir nur den Mund aufmachen, möchte der Hund schon die Ohren zumachen.

Werde zur Quelle von guten Dingen

Wie können wir das verändern? Ganz einfach. Indem wir die Quelle von allen guten Dingen werden. Indem wir nicht unüberlegt alles verbieten, was wir selbst nicht tun würden, wie zum Beispiel nach Mäusen buddeln oder Äste tragen oder vergraben. 

Je mehr unser Hund Hund sein darf, um so besser geht es ihm. Je mehr wir uns dabei „einmischen“ in seine Bedürfnisse, um so hochwertiger werden wir in seinen Augen.

Wenn wir also Belohnungen sagen, meinen wir gar nicht nur Futter. Sondern ein Schwerpunkt liegt auf anderen Belohnungen, die dem Hund einfach so gut gefallen.

Wenn wir uns klar machen, dass Hunde das tun, was Spaß macht und/oder Bedürfnisse erfüllt, dann wissen wir auch, wie wir handeln müssen, um zu trainieren. Wir müssen im Gegenzug für gutes Verhalten Bedürfnisse unseres Hundes befriedigen oder ihm eine Freude bereiten.

Was passiert dann?

Wir nennen es „Verstärkung“. Wenn wir ein gutes Verhalten erhalten oder noch verbessern möchten, müssen wir es verstärken. Das können wir tun, indem wir Gutes hinzufügen. Also der Hund bekommt etwas Gutes ( er erfährt eine positive Konsequenz), und das verstärkt das vorher gezeigte Verhalten. Verstärken bedeutet, dass das Verhalten häufiger gezeigt wird, aber auch schneller oder intensiver.

Die Wahrscheinlichkeit, dass das Verhalten erneut auftritt, wird also erhöht.

Positive Konsequenzen verstärken Verhalten.

Diese Verstärkung erfolgt nur dann, wenn der Hund die gedachte Belohnung auch als solche anerkennt. Wenn der Halter nur glaubt, dass ein Kopftätscheln seinen Hund belohnt, der sich aber eher davor gruselt, dann verstärkt das kein Verhalten.   

Wenn mein Hund pappsatt ist, kann ich auch mit Wienerle wedeln, und kein Verhalten mehr damit verstärken. Nur wenn er Appetit hat, funktioniert das Würstchen als Verstärker.

Verstärkt wird das Verhalten, das 1-3 Sekunden zuvor gezeigt worden ist. Wir müssen also in den 1-3 Sekunden den Verstärker präsentieren, um das Verhalten mit dem Verstärker zu verknüpfen.

Tut der Hund in der Zeit dieser 1-3 Sekunden wieder etwas anderes, wird auch das Verhalten verstärkt.

Es gibt schon noch ein paar Dinge, die wir beachten müssen, aber mit dem kannst du einfach mal beginnen.

Zusammenfassung der wichtigsten Punkte, die du gelernt hast:

  • Die Dominanztheorie ist längst widerlegt, du musst gar kein Alpha sein, um deinen Hund gut zu erziehen. Habe ihn lieb, befriedige seine Bedürfnisse so gut wie möglich und baue gutes Verhalten durch faires, gutes Training auf.
  • Gutes Verhalten aufbauen geht mit der Positiven Verstärkung. Das ist ein uraltes Lerngesetz, dass sich kein Mensch ausgedacht hat, sondern das wir beobachten können. Dabei geht es darum, dass ein Verhalten mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auftritt, wenn es verstärkt worden ist. Das ist die Definition. Das bedeutet im Umkehrschluss: Wenn das Verhalten nicht häufiger wird, wurde es per Definition nicht verstärkt. Und das würde bedeuten, dass der Hund die gedachte Belohnung nicht als Verstärker erkannt hat. Oder dass die Verknüpfung aus anderen Gründen nicht stattfinden konnte.
  • Die positive Verstärkung kann nicht nicht funktionieren. Sie funktioniert immer. Mit jedem Hund. Mit jedem Herrchen oder Frauchen.
  • Oft wird behauptet, es dauert lange, bis der Hund über positive Verstärkung lernt. Das stimmt nicht, positive Verstärkung kann in Minuten bereits Erfolge zeigen.
  • Meistens liegt es eher daran, dass sich der Mensch noch etwas schwer tut mit der Handhabung, dem Timing, dem Weglassen von Unnötigem, der Klarheit dem Hund gegenüber. Je besser du selbst im Training bist, um so schneller lernt dein Hund.
  • Wir positiv arbeitenden TrainerInnen sind dafür ausgebildet, diesen Lernprozess zu verkürzen, dich schneller zu einer guten TrainerIn zu machen. Lasse dich unterstützen, und vertraue dem Prozess des Trainings. Erfolge können schneller kommen als du glaubst.