Dominanz und Hierarchie

7 Mythen über Dominanz

Meine vielen Kolleginnen, Kollegen und ich arbeiten auf der Basis von positiver Verstärkung mit Hunden. Wir denken in der Mensch-Hund-Beziehung nicht an Hierarchien und Dominanz. Sondern an Freundschaft und gutes Training.

Menschen glauben, ein starker Alpha sein zu müssen

Dennoch ist das Dominanzdenken nicht verschwunden. Immer wieder erfahre ich, dass Menschen glauben, ein starker „Alpha“ sein zu müssen, ein „Rudelführer“. Sie gehen davon aus, dass der Hund in Hierarchien denkt und dass sie ihren Hund ganz, ganz unten in der Hierarchie einsortieren müssten, damit er ihnen gehorcht. 

Eines Tages siegt die positive Verstärkung

Aber ich merke, dass „wir“ immer mehr werden. Immer mehr Menschen begreifen, dass die Dominanztheorie nicht auf das Zusammenleben von Hunden und Menschen anwendbar ist. Es begann in grauer Urzeit ja nicht damit, dass sich Wölfe den Menschen angeschlossen haben, um diese zu dominieren. Sondern es war von Beginn an eine Art Symbiose. Obwohl manche Forscher davon ausgehen, dass der Hund ein Schmarotzer ist. Und das ist gar nicht böse gemeint, sondern besagt, dass der Hund aus biologischer Sicht den größten Nutzen aus der Verbindung gezogen hat.

Egal, wer aus der Hund-Mensch-Beziehung den größten Nutzen zieht:

Meine Vision ist

  • eine Welt, in der Menschen mit ihren Hunden friedlich und freundlich umgehen, sie verstehen, ihnen ein Freund sind und kein selbst erdachter „Rudelführer“.
  • eine Welt, in der kein Hund mehr gekniffen, geboxt, an den Ohren gezogen, geprügelt und sonst wie misshandelt wird.
  • eine Welt, in der Menschen ihrem Hund über gutes Training mittels positiver Verstärkung zeigen, wie er sich in den verschiedenen Situationen verhalten soll.

In diesem Artikel stelle ich 7 häufige Mythen zu diesem Thema vor. 

Mythos 1:

Der Hund stammt vom Wolf ab

Grundsätzlich ist das richtig. Allerdings sollte man wissen, dass wir nicht davon ausgehen können, dass der Hund vom heutigen Grauwolf abstammt. Sondern die beiden haben einen gemeinsamen Vorfahren.

Mythos 2:

Der Mensch hat den Wolf domestiziert

Was passierte vor ca. 50.000 Jahren?

Die Wölfe legten ihre Scheu ab,  um von den Abfällen der Menschen zu profitieren. Die Menschen tolerierten die Nähe der Wölfe, vielleicht weil sie deren Wachfunktion ziemlich praktisch fanden. Vielleicht bestand auch von Anfang an eine Art innerer Verbundenheit, weil die Menschen ganz sicher sehr viel über Wölfe wussten. Wie sie leben, wie sozial sie sind, und wie sie miteinander kommunizieren.

Im Grunde haben sich die Wölfe selbst domestiziert. Natürlich hat sich der Hund über die vielen tausend Jahre stark verändert, und ist durch unsere Züchtungsbemühungen noch einmal sehr verändert worden. Aber der Weg vom wild lebenden Tier zu einem Tier, dass die Nähe der Menschen sucht und sich an diese neue Nische anpasst, ist durch den Wolf gegangen worden. Die Menschen der damaligen Zeit hatten nach Ansicht der Forscher kaum die Möglichkeiten, diese großen Tiere durchzufüttern und gezielt zu züchten. Unter anderem deshalb. weil das eine Isolierung der „Hauswölfe“ von den wilden Artgenossen gefordert hätte.

Mythos 3:

Hundeverhalten = Wolfsverhalten

Hunde leben anders als Wölfe. Abgesehen davon, dass es weder „den Hund“ noch „den Wolf“ gibt, denn beide Arten leben in verschiedenen Umweltbedingungen sehr unterschiedlich. Wölfe jagen je nach ihrem Nahrungsangebot kleine oder größere Tiere, und letztere meistens in der Gemeinschaft. Gruppenjagden finden bei Hunden eher selten statt. Statt dessen findet man wild lebende Hunde häufig auf Müllhalden.

Lasse dich nicht irritieren von Arten wild lebender Hunde, die eine sehr ähnliche Lebensform haben wie Wölfe, die aber nicht der gleichen Gattung wie Wolf und Haushund angehören, nämlich Canis.

Wölfe leben normalerweise in einem Familienverband.

(Ganz genau genommen muss man auch hier noch einmal unterscheiden, denn Wölfe passen sich den Lebensbedingungen an, und zeigen dadurch auch unterschiedliche Lebensweisen. Wölfe gibt es ja überall auf der Erde, und ein Wolf der in der  Wüste lebt, tut dies auf eine andere Art als ein Wolf in Alaska.)

Die Elterntiere leben mit den Welpen und den Jungtieren aus dem vorherigen Jahr oder den vorigen Jahren zusammen. Jungtiere wandern meist spätestens im 3. Lebensjahr ab und gründen mit einem anderen Tier eine eigene Familie.

Hunde leben häufig eher als Einzelgänger und in losen Verbänden, und die Welpen bleiben nicht so lange bei der Mutter. Eine Familienstruktur wie bei den Wölfen findet man bei wild lebenden Hunden also nicht.

Mythos 4:

Wölfe leben in einer Hierarchie unter dem Alpha-Wolf

Genauso wenig wie wir (normalerweise) in der Familie von Dominanz und Hierarchie sprechen, ist das passend bei Wölfen. Denn die Elterntiere sind einfach aus ihrer Rolle heraus die Führenden. Deswegen müssen sie aber nicht jeden Tag ihren Status hervorheben und ihre Nachkommen unterdrücken, um diese Führungsrolle zu behalten.

Ganz im Gegenteil. In der freien Wildbahn wäre so ein Verhalten genauso wenig sinnvoll wie heute bei uns in unserer modernen Welt: Alle müssen ihre Kräfte gezielt und bewusst einsetzen, sonst wird zu viel Energie verschwendet für unnötige Reibereien.

Warum wohl haben Wölfe ein so unglaublich großes Repertoire an körpersprachlichen Signalen? Damit sie sich fein dosiert ausdrücken können. Damit vermeiden sie ernsthafte Konflikte zwischen den Sozialpartnern in der Familie.

Konflikte gibt es natürlich dennoch, aber sie werden deutlich weniger aggressiv ausgetragen als wir glauben.

Woher stammt die Hierarchie-Vorstellung?

Diese alte Vorstellung von den wild um sich beißenden Wölfen im „Rudel“ stammt aus Forschungen an Gehegewölfen. Es waren dort keine Familienverbände, sondern Einzeltiere, die willkürlich zusammengewürfelt wurden. Da dort außerdem keiner das „Rudel“ verlassen konnte, gab es Beißereien und Konflikte am laufenden Band. Diese Art des Zusammenlebens ist aber absolut unnatürlich für Wölfe, so dass das kein natürliches Verhalten von frei lebenden Wölfen widerspiegelt.

Mythos 5:

Der Mensch muss den Hund dominieren, weil Wölfe…

Seltsamerweise werden immer noch Wölfe zitiert, wenn es darum geht, einen Grund für dominantes Verhalten des Hundebesitzers zu finden. Die Wissenschaft weiß mittlerweile seit mehr als 30-40 Jahren, dass die Dominanztheorie nicht allgemeingültig angewendet werden kann.

Warum hält es sich dann bloss so lange in den Köpfen der Hundehalter?

Der Wunsch nach Dominanz ist menschlich…

Ich habe dafür derzeit nur eine Antwort: Vielleicht ist es menschlich, dominant sein zu wollen. Hundeverhalten kann Angst machen. Wenn der Hund dich anknurrt, sein Futter verteidigt, andere Hunde angreift oder schlecht auf den Rückruf hört, verlierst du die Kontrolle.

Kontrollverlust ist ein großer Stressor.

Aus der Sicht finde ich es einleuchtend, dass Menschen dann schnell zu dominantem Verhalten greifen.

Habe ich selbst ja auch gemacht, damals mit meinem ersten Hund. Als mir von allen Seiten gesagt wurde, Charly sei dominant, ich müsse mich endlich durchsetzen.

Mythos 6:

Du musst dich durchsetzen!

Darum weiß ich auch, dass das „sich durchsetzen“ nicht mit jedem Hund klappt. Hunde, die von Natur aus einem Streit eher aus dem Weg gehen, spielen da schon mit. Die sagen sich quasi: „Na, wenn dir das soooo wichtig ist, dann mache ich das so.“ Andere Hunde sagen: „So wie du dich gerade benimmst, kann ich nicht mit dir kommunizieren!“ So war der Charly. Er drehte seinen Kopf zur Seite und schaute an mir vorbei, wenn ich ordentlich in Fahrt war, und ihn JETZT ENDLICH DOMINIEREN wollte. Er war höflich. Und ich tobte.

Mir tut das heute noch weh, wenn ich daran denke, wie ich Charly behandelt habe, weil ich an die Dominanztheorie geglaubt hatte. Es waren nur wenige Monate, die unsere Beziehung so nachhaltig beeinflusst haben, dass er sich zu wehren begann. Sein Vertrauen in uns wurde später wieder deutlich größer, aber es hat lange gedauert, bis es (fast) vollständig wieder hergestellt war.

Mythos 7:

Dominanz ist eine persönliche Eigenschaft

Das ist insofern richtig, dass es Individuen gibt, die viel Wert auf ihre Ressourcen legen und andere, denen das alles nicht so wichtig ist. Wenn man das genau betrachtet, sind letztere die Individuen, die viel selbstsicherer sind. Sie fühlen sich nicht abhängig von Dingen, bestimmten Liegeplätzen oder Beziehungen, sondern tolerieren, dass auch andere die gleichen Plätze nutzen, etwas nehmen was sie selbst gerade nicht brauchen und Beziehungen zu den gleichen Partnern pflegen wie sie selbst. Sie haben ein Fülle-Bewusstsein. Sie fühlen sich reich genug und müssen nicht jeden Krümel verteidigen.

Dominanz unter Hunden

Wenn man ganz genau hinschaut, gibt es natürlich Dominanz auch unter Hunden: Mal ist der eine dominant, mal der andere. Es ist abhängig davon, wem etwas wichtig ist.

So kann ein Hund mit großem Getöse dafür sorgen, dass kein anderer „seinem“ Mauseloch zu nahe kommt. Am Mauseloch ist er dominant. Geht es dagegen um den Futternapf, sagt er vielleicht: Nimm dir ruhig was, mir ist das wurscht.

Ein Hund verteidigt einen Sonnenflecken auf dem Fußboden, aber wenn keine Sonne scheint, ist es ihm egal wer wo liegt.  

Ein Hund verteidigt seinen Ball, aber nie sein Zerrspielzeug. Am Ball ist er dominant gegenüber einem anderen Hund. Am Zerrspielzeug nicht.

Bei allen Beispielen sieht man, dass es darauf ankommt, ob der Hund eine Vorliebe für etwas hat. Hey, geht es uns nicht auch so? Jeder Mensch stellt Regeln auf, die ihm wichtig sind. Eine Regel bei uns ist, dass weder auf dem Fußboden noch auf dem Sofa gekratzt werden darf. Kratzen wird ohne Drohung und ohne Schreckreize so freundlich wie möglich unterbrochen. Oft genügt es, sie zu erinnern und aufzufordern: „Einfach hinlegen!“ Natürlich wird das Liegen dann gelobt. Ich bin in dieser Situation also schon „dominant“, weil ich das Gewünschte erhalten möchte. Dennoch nutze ich meine Dominanz nicht, um mich durch Gewalt durchzusetzen, sondern ich nutze sie, um als Mensch gewaltfrei zu reagieren. Mit Hirn eben.

Was das Sofa angeht: Es ist mir sogar Recht, wenn mein Hund mit auf dem Sofa liegt, denn dann kann ich mein Bedürfnis nach körperlicher Nähe zu meinem „Fellkind“ bequem stillen. Ich bin also nicht grundsätzlich dominant in Bezug auf das Sofa, sondern mir ist ein bestimmtes Verhalten wichtig.

Was du gelernt hast

  • Du weißt jetzt, dass die heutigen Wölfe und unsere Hunde einen gemeinsamen Vorfahren haben. Darum macht es eigentlich wenig Sinn, Wolfsverhalten 1:1 nachahmen zu wollen mit unseren Hunden. Aber die Idee vom Familienverband kannst du durchaus als Grundlage für dein Zusammenleben mit Hunden nutzen.
  • Dir ist klar,, dass sich der Wolf freiwillig dem Menschen angeschlossen hat, und dass er ganz sicher nicht dominant sein wollte über den Menschen.
  • Außerdem weißt du, woher die Idee stammt, dass Wölfe sich gegenseitig mit Gewalt dominieren würden: Aus Beobachtungen an Wölfen in Gefangenschaft.
  • Du hast verstanden, dass Dominanz kein Persönlichkeitsmerkmal ist, sondern situationsbedingt stattfindet.
  • Vielleicht hast du auch schon bemerkt, dass du dennoch dominant sein kannst als Hundebesitzer, dass das aber keineswegs ein Freibrief für Gewalttätigkeiten sein sollte.

Im nächsten Artikel geht es um die Frage: Was ist eigentlich Dominanz?