Leinenaggression – was tun?

Kennst du das?

Er ist noch so weit weg, der andere Hund. Aber deiner beginnt sofort zu versteifen. Der Kopf ist erhoben,  er schaut genau hin. Schon geht es los: Lautes, aggressiv klingendes Bellen, in die Leine springen, sich wie wild geworden aufführen.

Du versuchst, auf den Beinen zu bleiben, während du deinen Hund zu halten versuchst. Was bei kleineren Hunden leicht möglich, aber dennoch nervig und anstrengend ist, kann bei großen Hunden richtig gefährlich werden. Schnell liegt man auf der Nase…

In diesem Blogbeitrag bekommst du 8 handfeste Tipps, um das Problem  in den Griff zu bekommen.

Richtig denken, um das Problem zu lösen

Oft beklagen sich Hundehalter über das Verhalten der anderen. Kein Wunder, lassen doch viele ihre Hunde ungesichert und ungefragt in unsere hinein poltern. Ob unser Hund damit ein Problem haben könnte, wird nicht gefragt. Andere scheinen nie auszuweichen, immer müssen wir den Weg verlassen.

Die anderen passen nie auf, und sehen uns erst, wenn sie unmittelbar vor uns stehen, und sie keine Zeit mehr haben, ihren Hund einzusammeln. Dabei haben wir sie bereits mehrere Minuten gesehen.

Und dann meckern sie noch, wenn sich unser Hund beim Vorbeigehen der anderen lautstark beschwert, dabei hat er ja eigentlich Recht.

Andererseits: Wieso haben immer die anderen so brave Hunde, die oft tatsächlich nix tun? Warum haben wir ausgerechnet so einen Leinenrambo erwischt?

„Wieso immer ich!!!“

Ich weiß, viele meiner Kundinnen denken gar nicht so. Sie wissen schon, dass man die anderen nicht ändern kann. Jeder kann immer nur bei sich selbst etwas ändern. Nur wie?

Tatsächlich ist es sehr wichtig, dass du verstehst, dass die Frage nach dem „Warum“ dich nicht zu einer Lösung führt. Warum ist eine Frage nach der Vergangenheit. Warum habe ich damals ausgerechnet diesen Welpen bekommen, ich hätte ja lieber den anderen genommen. Warum sind die anderen Hundehalter ausgerechnet mit mir immer so blöd im Umgang? Warum muss ich immer ausweichen? Keine dieser Fragen führt zu einer Lösung, sondern beschäftigen sich mit der Vergangenheit. Die ist aber – genau, vergangen. Da können wir nichts mehr ändern. Das ist schon vorbei.

Um etwas zu verändern, müssen wir in die Zukunft schauen und fragen. Wie schaffe ich es, dass mein Hund nicht mehr so aggressiv reagiert auf andere Hunde? Was muss ich verändern, damit das eintritt? Welche Dinge benötige ich noch, welche habe ich schon und kann sie nutzen? Wo bekomme ich Hilfe und Unterstützung für mein Training?

Dies sind Fragen, die dich zum Ziel führen. Du bist sofort auf dem Weg, wenn du dir solche Fragen stellst. Du verlässt mit der ersten Zukunfts-Frage deine Opferrolle und beginnst, Verantwortung zu übernehmen. Für dich, für deinen Hund, für die Situation. Der erste Schritt ist gemacht, Klasse!

Unterstützende Fragen bringen dich zum Ziel

Bleibe dabei, dir während des Trainings diese unterstützenden Zukunfts-Fragen zu stellen. Wenn etwas nicht klappt, frage also nicht: „Wieso kann ich das wieder nicht?“ oder „Warum ist mein Hund nur so blöd?“ Statt dessen fragst du dich:“Wie soll ich mein Training ändern, damit mein Hund mich versteht?“ oder „Wie schaffe ich es, dass mein Hund das tun kann, was ich erreichen möchte in der Situation?“

Die Frage nach Zwischenschritten ist immer eine gute Frage. Allzu oft gehen wir in Siebenmeilenstiefeln durch die Welt, und halten unseren Hund für blöd, wenn er nicht versteht, was wir möchten. Statt dessen sind wir gerade selbst etwas, ähm, „dumm“ (bitte entschuldige meine Offenheit – ich kenne diesen Zustand, mir ging das hin und wieder auch so). Wir sind „dumm“, weil wir außer Acht lassen, wie Hunde lernen. Kleine Schritte zu machen hilft deinem Hund, dich immer zu verstehen und das leisten zu können, was du erwartest. Mache es ihm und  somit dir leicht.

Mit Leichtigkeit trainieren

Der Weg der kleinen Schritte bringt die nötige Leichtigkeit in den Trainingsalltag. Damit dein Training richtig gut funktioniert, solltest du dich mit noch ein paar Fragen beschäftigen.

Wie gesund ist dein Hund?

Krankheit oder Schmerzen können selbstverständlich der Grund sein, dass dein Hund so reagiert, wie er es zur Zeit tut. Wenn so etwas der Grund ist für sein Verhalten, kannst du trainieren bis du grün wirst – du wirst wenig Erfolg haben.

Löse also unbedingt zuerst die gesundheitlichen Probleme. Gehe sie an, um gute Vorraussetzungen für eine Verhaltensänderung zu schaffen. Dann geht alles viel leichter.

Wie viel Stress hat dein Hund im Alltag?

Wenn dein Hund sehr viele weitere „Baustellen“ hat außer der Leinenaggression, leidet er vermutlich unter chronischem Stress. Das kann dich ebenfalls hindern, gute Lernerfolge zu erzielen.

Typische Stressoren sind:

  • Leben mit mehreren Hunden zusammen
  • Leben mit vom Hund ungeliebten Haustieren wie Katzen
  • lebhaftes Familienleben mit viel Besuch, Kindern etc. ohne Ausweichmöglichkeit
  • Trennungsstress
  • Ängste
  • Lärm, Geräuschangst
  • Bedürfnisse können nicht befriedigt werden
  • Freilauf ist nicht möglich
  • Training mit Strafe
  • Zu viele Stunden alleine bleiben müssen
  • Für den Hundetyp unpassender Hundesport
  • sehr häufige Hundebegegnungen
  • Keine Hilfe für die Begegnungssituation von der Bezugsperson

Stress ist sehr individuell – was den einen mega stresst, lässt den anderen total kalt. So ist das auch bei Hunden, darum schau wirklich genau hin. Nicht immer sehen die Bezugspersonen, wie gestresst der eigene Hund auf bestimmte Situationen reagiert.

Klar ist: Je besser du den Stresslevel deines Hundes regulieren kannst, um so besser greift dein Training. Andauernder Stress macht krank. Vorübergehender Stress gehört zum Leben. Dein Hund braucht dabei Hilfe, um mit er Situation gut umgehen zu können.

Entspannungstraining kann dir helfen, den Stress deines Hundes zu reduzieren. Wenn dich das interessiert, lies hier weiter: Ganz gechillt durch die größten Aufregungen

Gemeinsam Spaß haben

Wenn du ab jetzt mit deinem Hund gemeinsame Spaß-Zeiten einbaust, in denen ihr einfach albern sein dürft, spielt, kuschelt, die Umwelt erkundet ohne dass du irgendwas Schwieriges erwartest, arbeitest du an einer guten Bindung. Eine gute Bindung ist kein Allheilmittel, genau so wenig wie die Reduktion von Stress oder Entspannungstraining. Aber jedes einzelne Mosaiksteinchen spielt eine wichtige Rolle im Gesamtkunstwerk des Trainings.

Wenn dir dein Hund vertraut, und etwas Gutes mit dir verbindet, hast du es natürlich viel leichter, an seinem Verhalten etwas zu ändern. Er wird nicht misstrauisch sein, sondern offen und neugierig die neuen Dinge lernen wollen, die du mit ihm übst. Er wird merken, dass du nicht zu viel von ihm verlangst, weil du die Wichtigkeit der kleinen Schritte begriffen hast. Er weiß, dass es lustig ist, mit dir etwas zu tun.

Spaß-Zeiten können ein Neuanfang sein, wenn in eurer Beziehung einiges schief gelaufen ist in der Vergangenheit. Oder sie können euch die nötige Erholung bieten, die ihr beide braucht, während ihr die Anstrengung in Angriff nehmt, eure Probleme zu bearbeiten. Schließlich wissen wir alle: Spaß muss sein!

Mit diesen Grundlagen ausgestattet kann es jetzt richtig losgehen mit dem Training der Leinenaggression.

Warum ist dein Hund aggressiv?

Was hast du eigentlich bisher gemacht, um das Problem der Leinenaggression zu beheben? Viele Menschen schimpfen und rucken an der Leine, sind streng und versuchen, den Alpha-Rudelführer darzustellen. All das führt in den meisten Fällen nicht zum gewünschten Ziel. Es hilft nichts: Wenn du das bisher probiert hast, solltest du es sofort lassen. Ändere als erstes dein Verhalten, um dann nach und nach das Verhalten deines Hundes zu ändern.

Auch hier müssen wir noch einmal kurz in die Welt der Gedanken eintauchen. Falls du bisher dachtest, dein Hund ist so aggressiv, um in irgendwelchen Hierarchien aufzusteigen, irrst du dich. Eigentlich hat er vermutlich eher Angst.

Entweder vor den fremden Hunden, weil er schlechte Erfahrungen gemacht hat, wie auch immer. Oder vor dir, weil jedes Mal, wenn er fremde Hunde gesehen hat, ein Leinenruck passiert ist, oder du geschimpft hast.

Möglich ist auch, dass er eigentlich nur frustriert ist, weil er keinen Kontakt zum anderen Hund bekommt. Natürlich rate ich nicht, deinen Hund jetzt einfach zum anderen zu lassen, unter dem Motto:“Der will nur spielen!“ Das wäre keine gute Idee. Denn wenn er inzwischen so tobt angesichts fremder Hunde, muss er zuerst lernen,  sich sicher und souverän zu fühlen und sich anständig zu verhalten.

Gefühle verändern

Die erste Aufgabe im Training lautet: Verändere die Gefühle deines Hundes.

Solange du ungehalten reagiert hast in den Begegnungssituationen, konnte sich dein Hund bei dir ja auch nicht sicher fühlen. Die Situation wurde äußerst unsicher, weil genau dann, wenn er dich gebraucht hätte zur Unterstützung, du selbst zu einem Unsicherheitsfaktor geworden bist.

Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn du aufhörst, negativ einzuwirken bei Hundebegegnungen, und statt dessen dafür sorgst, dass sich dein Hund wohl fühlen kann, hast du schon einen riesigen Brocken des Problems zur Seite geschafft.

Wie kann sich dein Hund wohl fühlen?

Er sollte für eine gewisse Zeit nach Möglichkeit keine zu nahen Begegnungen aushalten müssen. Weiche aus, gib ihm den Raum den er braucht, um gerade nicht in die Leine zu springen und sich so aufzuführen. Versuche, ob er dabei schon Futter annehmen kann? Oder ist dein Hund begeistert von manchem Spielzeug, das du jetzt einsetzen kannst?

Sucht er vielleicht Körperkontakt, und würde sich sehr freuen über freundliches Streicheln an der Brust? Mag er sich an dein Bein anlehnen, um dich zu spüren, oder die Pfote auf deinen Schuh stellen?

Jede Lösung, die dein Hund annehmen kann und ihn nicht aufregt, wird ihm helfen, die Situation neu zu bewerten. Genau das wollen wir erreichen. Bisher hat er gesagt:“Da ist ein Hund und das ist doof!“ Jetzt lernt er zu sagen:“Da ist ein Hund, und ich fühle mich gut!“

Gute Laune zu verbreiten ist nur möglich, wenn du selbst nicht schlecht gelaunt bist oder Angst hast. Dir geht es ja nicht anders als deinem Hund, du hast vermutlich auch viele unangenehme Erfahrungen gemacht mit den Begegnungssituationen. Jetzt braucht ihr beide also einen relativ sicheren Rahmen, in dem ihr eure ersten Schritte gehen könnt, um gemeinsam die gesamte Situation neu zu bewerten.

Der Gedanke:“Hilfe, ein Hund kommt“ wird zum Beispiel umgewandelt in den Gedanken:“Prima, das gibt uns eine tolle Gelegenheit um zu üben!“

Verhalten verändern

Wenn dieser erste Schritt getan ist, und dein Hund dir etwas mehr Zeit gibt, bevor er loslegt mit der Leinenaggression, kannst du beginnen mit der Verhaltensänderung.

Diese zusätzliche Zeit zu Beginn, wenn dein Hund zum anderen hinschaut und gerade noch nicht bellt und in die Leine springt, die nutzt du.

Du gibst sofort dein Markersignal und lässt ein Bröckchen Futter fallen, oder gibst es ihm in die Schnauze.

Das Markersignal ist  hier wirklich wichtig, damit du den ersten Blick zum Hund pünktlich markieren und danach belohnen kannst. Wenn du mehr über das Markersignal wissen möchtest, empfehle ich dir diesen Blogartikel: Warum ein Markersignal dir Vorteile bringt

Damit verlängerst du die Phase, in der dein Hund einfach nur schaut und noch nicht reagiert mit Leinenaggression. Sicher wird er noch aggressiv reagieren, wenn du zu langsam markierst oder belohnst, oder gar überhaupt nichts tust. Auch wenn es ihm zu dicht ist, wird er das lautstark kundtun.

Bleibe aber immer bei deiner neuen, gelassenen Haltung, und versuche weiter, ob er bereit ist, etwas Gutes von dir anzunehmen. Oder probiere, ob er mit dir umdrehen kann, obwohl ihr das ja noch nicht geübt habt.

Nach dieser weiteren Verlängerung der Phase des ruhigen Hinschauens und der Verknüpfung mit Verstärkern kannst du den nächsten Schritt beginnen: Das Aufbauen von neuem Verhalten.

Neues Verhalten aufbauen

Wenn wir etwas „weg haben“ wollen, müssen wir uns immer eine Alternative überlegen, sonst klappt es nicht. Das Vorhaben „Ich will keine süßen Getränke mehr trinken“ ohne zu artikulieren, was du anstelle dieser denn trinken möchtest, führt nicht zum Ziel. Außerdem musst du wissen, was dich bei deinem neuen Verhalten belohnt. Also zum Beispiel die Aussicht auf eine knackige Bikinifigur.

So ist das auch bei unseren Hunden.

Wenn dein Hund jetzt nicht mehr bellen und in die Leine springen soll, brauchen wir ein Verhalten, das er statt dessen tun kann, und etwas, mit dem wir ihn dafür belohnen.

Je mehr Strategien wir haben, um so mehr Möglichkeiten bieten sich uns, die Begegnungssituation nach unseren Wünschen zu gestalten. Lasse dich aber nicht entmutigen von der Aussicht, „viele“ Möglichkeiten trainieren zu müssen. Wir gehen doch den Weg der kleinen Schritte!

Handtouch als universal-Hilfe

Der Handtouch ist so vielseitig einsetzbar, dass ich ihn liebe. Dabei ist er einfach zu lernen, und leicht anzuwenden. Es handelt sich darum, dass der Hund lernt, die dargebotene Hand mit seiner Nase zu berühren, sie anzustubsen.

Überlege dir vorher, wie du deine Hand präsentieren möchtest. Soll die ganze Handfläche gezeigt werden, oder nur zwei Finger? Hältst du die Hand senkrecht oder waagerecht? Nimmst du lieber die Faust als Sichtzeichen?

Biete dem Hund die Hand an. Viele Hunde sind neugierig und nähern sich mit der Nase der Hand. Jetzt kannst du sofort markieren und belohnen, auch wenn die Nase vielleicht noch gar nicht dran war. Wiederhole diesen Schritt ein oder zwei Mal. Dann warte auf eine Berührung, und markiere das.

Falls das nicht geht, nimm ein Leckerchen in die Hand, die dein Hund berühren soll. Sobald seine Nase dran ist, folgt das Markersignal und du gibst ihm das Futter frei.

Nach ein paar Wiederholungen lässt du das Lockfutter weg, markierst die Annäherung bzw. die Berührung und gibst das Futter schnell aus der anderen Hand. Ebenfalls mehrmals wiederholen.

Übe jeden Tag mit 10 Leckerchen den Handtouch. Hilf deinem Hund, wenn er nachdenkt, und gib ihm Zeit. Gehe nicht frontal auf seine Nase zu mit deiner Targethand, sondern eher mit der Hand weg vom Hund, damit er folgen muss. Hab Geduld, wenn er an einem Tag plötzlich nicht mehr weiß, was das alles zu bedeuten hat, obwohl er es früher schon gekonnt hat. Es ist nicht so leicht für ihn, wie du denkst.

Nach dem Aufbau ist der Handtouch zum Beispiel eine Möglichkeit, deinen Hund umzuorientieren, falls er beginnt, zu starren anstatt ruhig hinzuschauen und wieder wegzuschauen.

Später kann die Targethand den Hund an die Seite des Weges führen, ohne dass du ihn mittels der Leine herumzerren musst. Oder er folgt deiner Hand während ihr am anderen Team vorbei geht. Das Einsatzgebiet ist riesig, lasse deiner Fantasie freien Lauf und gestalte die Situationen so, dass sie euch am besten helfen.

Viele weitere Möglichkeiten

Natürlich gibt es unzählige Möglichkeiten, die Begegnungssituation nach eigenen Wünschen zu gestalten, ohne dass die anderen etwas ändern müssen. Sie alle zu beschreiben würde hier zu weit führen.

Meine Kunden lernen diverse Strategien in 1:1 Trainings und in meinem Online-Kurs. Die Erfolge sprechen für sich. Das sage ich deshalb, weil ich dir Mut machen möchte, dein Schicksal in die Hand zu nehmen. Nur du kannst dein Leben mit deinem Hund so verändern, dass ihr beide euch wohl fühlt miteinander.

Erinnere dich an deinen Traum. Wie sollte er sein, dein Hund? Welche Träume hattest du in Bezug auf sein Verhalten und diverse Situationen?

Manchmal braucht es einen Kompromiss. Manchmal entpuppt sich ein Traum als ein Hirngespinst, das einfach unrealistisch hohe Erwartungen an das Lebewesen Hund gestellt hat. Aber dennoch kannst du viele deiner Träume realisieren mit deinem Hund. wenn du heute beginnst, bist du morgen schon ein Stück weiter.

„Der Mensch, der den Berg versetzte, war derselbe, der begann, kleine Steine wegzutragen.“