Grenzen setzen – aber fair

Grenzen setzen – aber fair

Meine ersten Versuche

Als Charly im August 2002 zu mir kam im Alter von 8 Wochen wusste ich genau, was ich wollte:

  • Ich wollte meinen Welpen mit viel Liebe erziehen, konsequent sein, klar sein
  • Ich stellte mir vor, dass er Lob und Tadel gut auseinander halten kann
  • Ich glaubte, dass alle Probleme zwischen Hund und Mensch in der Unklarheit der Menschen zu finden seien, die heute so und morgen anders reagieren
  • Ich wusste, dass ich meinen Hund nicht schimpfen darf, wenn er nach längerem Rufen endlich zu mir kommt
  • und dass ich nur dann schimpfen darf, wenn er etwas genau  in dem Moment falsch macht
  • Ich wollte ein deutliches NEIN!“ nutzen, um meinem Welpen zu sagen, dass er das, was er gerade tut, nicht tun soll

Also startete ich mit diesem Wissen, und las außerdem viele, viele Hundebücher. Da mir das Thema Hund an sich nicht neu war, meinte ich, ich sei fortgeschritten. Schließlich war ich damals bereits 38 Jahre alt und habe mir, seit ich denken kann, einen Hund gewünscht. Da schaut man natürlich viel auf Hunde, sieht wie Menschen mit ihnen umgehen – und  weiß oft alles besser.

Charly beißt in die Fersen

Charly war äußerst niedlich, sehr aufgeweckt und wollte spielen. Es war Sommer, und ich lief in Sandalen über den Hof. Er fand es gerade cool, in die Hacken zu beißen. Mit einem deutlichen „NEIN!“ drehte ich mich zu ihm um und starrte ihn kurz an. Dann ging ich weiter.

Zack waren die spitzen Welpenzähnchen wieder in den Hacken. Erneut stoppte ich, drehte mich um und sagte streng: „NEIN!!“ Aber Charly wollte es nicht glauben.

Ich versuchte verschiedene weitere Möglichkeiten, wie ihn von den Füßen zurückzudrängen, wegschubsen, festhalten und anstarren… aber mein kleiner Hund wollte mich scheinbar nicht verstehen. Ich war außer mir. Wie konnte ich ihn stoppen? Das muss doch möglich sein!

Der muss mich akzeptieren!!

Ich glaube heute, dass das ein Schlüsselmoment war, in dem bei mir zum ersten Mal die Angst aufkam, diesem Hund nicht gewachsen zu sein. 

Missverständnisse

Heute weiß ich erstens, wie ich Ängste sofort in etwas Positives verändere. Außerdem weiß ich, dass Angst immer ein schlechter Ratgeber ist. Und selbstverständlich weiß ich, warum Charly damals so reagiert hat.

Der Hauptgrund war: Er war ein Welpe. Welpen lieben es, bewegte Dinge zu jagen und zu packen. Manche Rassen mehr, andere weniger. Manche Individuen mehr, andere weniger. Es ist ganz normales, gesundes Hundeverhalten.

Was nicht bedeutet, dass wir nichts tun können, um es zu verändern. Wir müssen uns natürlich nicht ständig in die Hacken beißen lassen.

Meine Reaktion damals führte zu einer hohen Erregung. Wegschubsen und drohen bringt die Erregung nach oben. Das führt wiederum zu noch mehr von dem unerwünschten Verhalten. Das „Nein“ hatte ich natürlich nie irgendwie als Signal aufgebaut. Ich dachte, mein Hund versteht es, wenn ich dieses Wort sage, durch die Stimmlage. Tja, falsch gedacht.

Damals fühlte ich mich persönlich angegriffen von den „Attacken“ meines Welpen. Zumindest dadurch, dass er nicht sofort gestoppt hat, wenn ich das wollte. Ich bekam Angst, dass er bissig werden könnte.

Charly dagegen wollte einfach nur spielen. Er wollte Kontakt zu mir, und beschäftigt werden. Denn ich hatte davon tatsächlich keine Ahnung, wie viel Aufmerksamkeit so ein kleiner Welpe benötigt.

Grenzen setzen – aber wie?

Damit kommen wir zu der Frage, wie wir Grenzen setzen sollten, können und wollen.

Zunächst einmal: Was genau möchten wir denn erreichen, wenn wir dem Hund Grenzen setzen?

Ich wollte damals meine körperliche Unversehrtheit bewahren. Welpen beißen zwar nicht hart zu, haben aber sehr spitze Zähnchen, die unsere Haut übel zerkratzen. Das tut weh. Und genau das wollte ich verhindern.

Wie ich das erreiche, war mir damals egal. Darum war ich später ja so offen für Strafen, weil ich einfach nur meine Ziele erreichen wollte, und mit meinem Wissen nicht weiter kam.

Ganz tief in mir aber wollte ich meinen Hund freundlich und fair erziehen. Ich wollte ihm nicht weh tun, ihn nicht unterdrücken oder bedrohen müssen. Aber wenn es anders nicht geht, dann – so dachte ich damals – muss ich das eben doch tun. Schweren Herzens.

Können und wollen sind eben manchmal nicht passend zu einander. Mein Können war zu gering, ich wusste zu wenig über Hunde, ihr Lernverhalten und die Möglichkeiten der positiven Verstärkung. Ich hatte auf gut Deutsch keine Ahnung von Hunden, obwohl ich am Start dachte, ich wäre „fortgeschritten“.

Und dann gibt es ja noch die Umwelt. Vom ersten Tag an mit dem Welpen kamen Menschen zu mir, um mir zu erklären, wie ich mit dem Hund umgehen müsste.

  • Jetzt müssen Sie sich durchsetzen
  • Käse zerstört den Geruchsinn des Hundes
  • Leckerchen sind nicht gut, ein Hund muss ohne gehorchen
  • Du musst der Alpha sein
  • Der muss seine Grenzen kennen lernen
  • Bald tanzt der Ihnen auf dem Kopf herum
  • Sie müssen als erste durch die Tür gehen
  • Der darf hier nicht einfach so schnüffeln
  • Du musst den Hund umwerfen, damit der weiß, dass du der Alpha bist

Alle wussten es besser. Jeder einzelne Mensch hielt sich für einen fortgeschrittenen Hundeflüsterer. Jeder wusste Bescheid, nur ich war offenbar der letzte Depp.

Selbstbewusstsein im Keller

Du kannst dir vorstellen, was das mit mir gemacht hat. Ich hatte 38 Jahre auf diesen Hund gewartet. Da waren so viele Träume, Wünsche und Vorstellungen mit verknüpft… und jetzt stand ich da, und konnte Charly nicht mal davon abhalten, mir in die Hacken zu beißen. Ich war am Boden zerstört.

Damit du nicht nur die frustrierenden Erlebnisse erfährst, mache ich jetzt einen Schnitt, und springe in die vielen, bunten, fairen Möglichkeiten, die du hast, wenn du in der gleichen Situation steckst.

Denn ich bin sicher, dass ich keine Ausnahme war. Ich war immer bereit, zu lernen, aber es dauerte verflixt lange, bis ich das gefunden habe, was ich heute betreibe. Ich musste vollkommen umdenken, und andererseits war es genau das, was ich mir gewünscht habe. Umdenken, weil ich nicht ahnte, wie viel man da lernen kann, wie tief ich Hunde verstehen lernen kann, und dass das Lernen über Hunde und ihr Verhalten nie aufhört.

Wenn du also auch bereit bist, zumindest die nötigen Dinge zu lernen, und dich zu öffnen für die Wirklichkeit deines Hundes,  kommst du an dein Ziel: Freundschaft mit deinem Hund, echte Teamarbeit und gegenseitiges Verständnis, verbunden mit fair gesetzten Grenzen und guter Kommunikation.

Positive Verstärkung

Training mit Belohnungen ist viel mehr als einfach ein Leckerchen zu geben. Es geht um das Timing, um den Ort der Belohnung, um die Häufigkeit der Gabe, um die Vielseitigkeit und vieles mehr.

Wir können…

  • mit einem schlichten Guttie Informationen geben, Beschäftigung anbieten, und gleichzeitig ein neues Verhalten aufbauen.
  • ein Signal für ein bestimmtes Verhalten über Belohnungen aufbauen und nutzen.
  • ein „Stopp“-Signal aufbauen, ohne unseren Hund damit bestrafen zu wollen, und das sogar fair und gewaltfrei.
  • natürlich auch Management betreiben und dafür sorgen, dass das unerwünschte Verhalten gar nicht erst auftritt.

Vermutlich vergesse ich gerade sogar noch weitere Möglichkeiten. Es gibt so viele!

Nun möchte ich ganz konkret drei Ideen aufzeigen, die du direkt nutzen kannst.

1. Ansprechen

Häufig ist es die einfachste Lösung, den Hund mit seinem Namen freundlich anzusprechen. Dazu sollte er seinen Namen kennen.

Er weiß ja nicht, wie er heißt, sondern er kann nur erfahren, dass immer dann, wenn sein Name gesagt wird, etwas Gutes, Interessantes geschieht. Das Prinzip ist also einfach:

Schritt 1:

  • Du sagst seinen Namen
  • und gibst sofort danach ein Leckerchen
  • wiederhole dies ca. 10 Mal, und bewege dich dabei in der Wohnung

Schritt 2:

  • wenn das schon gut klappt, kannst du den Namen sagen, und auf ein Herschauen warten
  • Name sagen
  • warten auf Blick des Hundes zu dir
  • Guttie geben
  • ebenfalls ca. 10 Mal wiederholen
  • Pause machen von 2 Minuten
  • erneut üben mit 10 Gutties

Dies übst du täglich mindestens 2 Mal, und beginne am Anfang ruhig mit Schritt 1, um dann zügig zu Schritt 2 überzugehen, sobald du merkst, dass dein Hund schon ahnt, was du möchtest.

Am besten funktioniert das Spiel, wenn du mit einem Markersignal trainierst. Hier erfährst du, was das ist und wofür es gut ist. Warum ein Markersignal dir Vorteile bringt

Jetzt kannst du deinen Hund ganz einfach ansprechen und für seine Aufmerksamkeit belohnen, wenn er Blödsinn macht. Achte dann darauf, dass du schnell genug erneut seinen Namen sagst, bevor er wieder anfängt mit dem Blödsinn.

Du kannst vielleicht eine komplette kleine Trainingseinheit machen, dich 5 bis 10 Minuten mit ihm beschäftigen und danach ein bisschen entspannen.

Hier kannst du lesen, wie das geht: Immer gechillt – über Entspannung für Hunde

2. In ein Spiel umlenken

Besonders Welpen tun etwas, weil sie es tun müssen. Spiel ist wichtig für ihre Entwicklung, und die Erkundung der Umwelt, auch mit den Zähnen, gehört dazu. Darum hilft es nichts, das unerwünschte Verhalten deckeln zu wollen, sondern wir müssen es umlenken.

Beim Hacken beißen kann man zum Beispiel Leckerchen zur Seite werfen. Diese Futterstücke kann und wird der kleine Hund „hetzen“ und darf sie sogar fressen. Dazu gehört natürlich auch etwas Vorbereitung, der Welpe muss zuerst lernen, das Futter zu verfolgen und zu finden. Baue also auch dieses Spiel mit deinem Welpen erst auf, bevor du es in der Situation des Hacken Beißens nutzt.

Du betreibst einerseits Management damit, denn du verhinderst das Verhalten durch das Werfen von Futter nach rechts oder links. Der Fokus des Hundes geht weg von den Füßen, und richtet sich auf deine werfende Hand und das Futter.

Es gibt deinem Hund außerdem die Information, dass es sich lohnt, seitlich zu gehen anstatt hinter deinen Füßen. Ein Hund, der nicht hinter deinen Füßen geht, kann auch nicht in die Hacken beißen.

Du kannst auch ein Zerrspiel anbieten. Auch mit Welpen kann man vorsichtige Zerrspiele spielen, schließlich sind sie selbst nicht zimperlich. Es wird häufig gewarnt davor, weil Menschen es zu stark betreiben. Ich empfehle, ein Spielzeug zu nehmen, bei dem die Welpenzähnchen nicht hängen bleiben in irgendwelchen Fasern von Stoff, sondern vielleicht ein Fleece-Spieli zu nehmen.

Etwas weiches wird meistens lieber genommen als harter Kunststoff. Du hältst das Spielzeug im Prinzip zu fest. Zuerst kannst du es ein wenig vom Welpen weg bewegen, so wie ein Mäuschen sich bewegt. Bald wird der kleine Hund folgen und es packen, und du hältst nur dagegen. Zerre also nicht wie wild selbst damit, sondern höchstens ganz leicht, so dass es gerade Spaß macht. Das Genick eines Welpen ist noch nicht gemacht für starke Schleuderbewegungen.

Bei erwachsenen Hunden sieht das natürlich ganz anders aus. Aber alle Trainingstipps gelten auch für diese Hunde. Mit Namen ansprechen, in ein Spiel umlenken kannst du jeden Hund.

3. Gezielt ein anderes Verhalten aufbauen

Genauso wie du deinen Hund durch ein Spiel zu einem anderen Verhalten bringen kannst, indem er lernt, statt in deine Hacken lieber in das Spielzeug zu beißen, kannst du unerwünschtes Verhalten auch dadurch verringern, dass du ganz gezielt ein anderes Verhalten aufbaust. Wir nennen das ein Alternativverhalten. Denn es stellt eine Alternative dar für den Hund, die er wählen kann.

Wann wählt ein Hund ein Verhalten? Wenn es sich lohnt, es zu zeigen. Also müssen wir dafür sorgen, dass sich das gewünschte Alternativverhalten lohnt für unseren Hund. Wir müssen es belohnen.

Welche Belohnung in der Situation die passende ist, findest du heraus, wenn du dich fragst, was dein Hund eigentlich bezweckt mit dem unerwünschten Verhalten. Daraus kann man meistens Belohnungen herausarbeiten, die das gewünschte Verhalten dann besonders gut verstärken.

Manche Hunde lasse sich in jeder Situation gut mit Futter belohnen, andere nicht. Aber meistens ist auch Futter immer eine Möglichkeit von vielen, um seinem Hund ein neues Verhalten beizubringen. Futter zu geben ist unsere einfachste Art der Belohnung. Sie ist sehr natürlich, denn fressen muss jeder Hund. Für das Futter zu arbeiten ist ebenfalls eine gute Beschäftigung, und wenn wir mit positiver Verstärkung arbeiten, übt der Hund außerdem das selbstständige Lösen von Aufgaben. Das stärkt das Selbstbewusstsein und schützt vor Frustration.

Welches Verhalten soll denn aufgebaut werden?

Wenn du ein anderes Verhalten verhindern möchtest, sollte das neue Verhalten das unerwünschte Verhalten von selbst verhindern.

Ein Hund, der in die Hacken beißt, kann lernen, neben seinem Menschen zu gehen, oder seitlich nach Futter zu suchen. Er kann einen Blickkontakt lernen, oder den Handtouch. Du kannst ihm sein Spielzeug anbieten als Alternative. Alle diese Möglichkeiten verhindern, dass seine Nase in Richtung Hacken geht. Dadurch verhindern diese Verhaltensalternativen das unerwünschte Verhalten.

Außerdem möglich: Das Geschirrgriff-Signal

Wir haben noch eine weitere Möglichkeit, Verhalten fair und freundlich abzubrechen. Das ist das Geschirrgriff-Signal.

Richtig aufgebaut wirkt das Geschirrgriff-Signal als ein freundliches Verhaltensabbruchsignal. Das heißt, der Hund stoppt seine Vorwärtsbewegung und hört somit auf mit dem, was er gerade tut.

Das Greifen in das Brustgeschirr (notfalls auch ins Halsband) wird zunächst einzeln geübt, so dass der Hund keine Angst davor hat. Dabei nutzen wir sogar ein Futterstückchen, das er bekommt, sobald wir ins Geschirr greifen.

Ganz wichtig ist die Ankündigung. Denn erstens wird diese Ankündigung für unseren Griff ins Geschirr das Signalwort, auf das der Hund am Ende des Trainings auch von alleine reagiert, und zweitens ist der Griff ins Geschirr dadurch nicht beängstigend, wenn der Hund diesen Zusammenhang verstanden hat.

Aber bei besonders leicht zu erschreckenden Hunden ist es sehr ausschlaggebend für den Erfolg, von Anfang an so kleinschrittig vorzugehen, dass der Hund nie erschrickt.

Dieser Aufbau ist zwar letztendlich nicht kompliziert, aber durch Erfahrung mit meinen Kunden ziehe ich es vor, diese Übung nur im direkten Kontakt mit meinen Kunden zu erklären, um Fehler zu vermeiden. Du findest die Übung im Onlinekurs „Hilfe, ein Hund kommt“ und kannst sie auch im Einzeltraining mit mir aufbauen.

Um dieses Signal richtig zu verstehen, ist der erste Schritt, dass du von der Idee des Bestrafens abrückst. Wir müssen unseren Hund nicht durch Schimpfen, Erschrecken oder gar Schmerzen bestrafen, um Verhalten zuverlässig stoppen zu können.

Dennoch ist das Geschirrgriff-Signal natürlich eine drastische Einschränkung der Bewegungsfreiheit des Hundes, es erfordert Impulskontrolle und kann zu Frustration führen.

Es gilt, so selten wie möglich das Geschirrgriffsignal zu nutzen, und so häufig wie möglich andere Lösungen anzuwenden.

By |2018-12-16T15:56:21+00:00Dezember 16th, 2018|Grenzen setzen, Hundetraining allgemein|0 Comments

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Bettina Haas, Hundetrainerin aus Leidenschaft, zeigt dir, wie du zum besten Freund und Trainer für deinen Hund wirst. Damit du schnell und nachhaltig zum Erfolg kommst und dein Leben mit Hund (wieder) richtig genießen kannst!

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