Die Wahrheit des Hundes entdecken

Die Wahrheit des Hundes entdecken

Neulich auf dem Spaziergang.

„Grace“ – Grace schnüffelt.

„Grace“ – Grace schaut woanders hin.

„Grace!“ – Grace schaut weg.

Es kommen zwei Personen entgegen, und ich möchte die Aufmerksamkeit meines Hundes, um hübsch ordentlich an den Leuten vorbei zu gehen.

Es geht nicht.

Kaum sind die beiden Menschen vorbei gegangen, kann Grace schauen, sogar richtig lange. Sie schaut, und bekommt ihr Markersignal und Futter. Denn mir ist wieder etwas klar geworden. Dir auch?

Warum Hunde nicht gehorchen

Mir ist natürlich schon lange klar, dass Hunde vor allem dann nicht auf unsere Signale hören, wenn sie nicht können. Nicht können bedeutet, dass es Ablenkungen gibt, die so stark sind, dass der Hund das abgefragte Verhalten nicht zeigen kann.

Es fehlt im Prinzip am Training. Entweder fehlt es an der Menge des Trainings, oder an der Qualität, oder am richtigen Ort bzw. am kleinschrittigen Heranführen an die Ablenkung. Es könnte auch an der Belohnung liegen, die nicht hochwertig genug ist, um Verhalten zu verstärken.

Allerdings habe ich in der Vergangenheit so dermaßen viel an Aufmerksamkeit trainiert, dass ich erwartet habe, dass das heute, am Sonntag, wo so wenig los ist, kein Problem darstellt. Ich habe sehr oft an diesem Ort trainiert, sogar Alltags, wo eben sehr viel mehr los ist, weil es sich um einen Ort in der Nähe eines Einkaufszentrums handelt.

Relevanter Reiz

Es zeigt mir, dass fremde Menschen für Grace ein viel stärkerer Reiz sind, als ich immer denke. Sie kann manchmal „einfach so“ an anderen Leuten vorbei gehen. Manchmal nicht.

Auf jeden Fall hat sie eine Befindlichkeit beim Anblick fremder Menschen. Möglich, dass sie als Welpe häufig gestreichelt wurde, ohne dass sie das eigentlich wollte. Möglich, dass sie einfach aufgeregt ist, wenn sie davon ausgeht, dass sie die Menschen gleich persönlich kennen lernen soll. (Obwohl sie das schon lange nicht mehr muss).

Fremde Menschen sind ein relevanter Reiz. Sie kann sich nicht einfach daran „gewöhnen“, denn sie hat irgendwelche Gefühle fest gespeichert im Zusammenhang mit solchen Menschen.

Meine Wahrheit lautet: Die Passanten haben nichts mit uns zu tun, sie gehen nur vorbei. Ihre Wahrheit lautet: Es kann immer was passieren, ich muss aufpassen und bereit sein.

Für uns nicht sichtbar

Für uns sind Gefühle des Hundes nicht unmittelbar sichtbar. Wir haben keine Skala auf dem Hund, die anzeigt, dass sie eine Aufregung der Höhe 10 von 10 hat, und sich eher fürchtet als freut.  Oder wo ich ablesen kann, dass sie im Konflikt ist, weil sie einerseits wohl hin möchte und gestreichelt werden will, andererseits aber fürchtet, dass die Menschen etwas tun könnten, was sie aufregt.

Wir können nur am Verhalten erkennen, wie es dem Hund geht. Und manchmal haben Hunde eine ruhige Oberfläche, obwohl sie innen drin starke Gefühle empfinden.

So auch Grace. Sie steht ja nur da, und schaut mich nicht an. Sie schaut überall hin, nur nicht zu mir.

Sie wollte mir zeigen: „Da sind MENSCHEN!“

Das IST Verhalten, das etwas über ihre Gefühle verrät.

Obwohl sie auf den ersten Blick ruhig aussah, zeigte sie durch das, was sie tat bzw. nicht tun konnte, wie sie fühlt.

Ein Markersignal hätte geholfen

Hätte ich als erstes mein Markersignal gesagt und ihr ein Guttie gegeben, hätte ich ihre Sorge aufgefangen. So einfach kann das Leben sein. Meistens mache ich das ja. Das ist normalerweise Routine. Blick zu den Menschen markieren, und benennen, was ich sehe: „Menschen“.

Heute war mein Mann dabei, und offenbar war ich dadurch abgelenkt, und konnte nicht so reagieren, wie ich es gewohnt bin von mir.

Äh, hallo? Hörst du auch gerade den gleichen Inhalt wie am Anfang des Artikels? Hunde können nicht auf Signale hören, wenn sie zu stark abgelenkt sind. Uns Menschen geht es offenbar nicht anders. Also gut, ich habe weder Angst vor meinem Mann, noch ist er fremd. Aber ein relevanter Reiz ist er natürlich. Denn ich möchte ihm ja zeigen, wie toll ich mit Grace immer trainiere.

Wenn ich von meinem eigenen Mann (übrigens dem besten der Welt) so abgelenkt bin, dass ich nicht mehr daran denke, mein Markersignal anzuwenden, dann darf ich von meinem Hund nicht mehr erwarten.

Es mag sein, dass es nicht mein Mann war, der mich ablenkte, sondern einfach meine inneren Gedanken über Ideen und Pläne für mein Hundetraining. So genau weiß ich das auch nicht. Es spielt aber für die Botschaft keine Rolle.

Die Botschaft lautet: „Beobachte dich selbst, und du wirst Verständnis bekommen für deinen Hund!“

Verständnis

Wenn wir uns mal selber beobachten, stellen wir ziemlich häufig unsere Unzulänglichkeiten fest. Ich mache nach wie vor vieles nicht optimal im Training. Ich bin ein Mensch (oder ein „menschliches Tier“ ein „human animal“), keine Maschine.

Mein Hund ist ein Tier  (ein „non human animal“) und auch keine Maschine. Wir unterscheiden uns nur in sehr geringen Teilen voneinander. Denn das, was uns ausmacht, teilen wir miteinander: Gefühle.

Natürlich bin ich mehr als meine Gefühle. Aber ohne unsere Gefühle wären wir nicht, was wir sind.

Ich finde es hilfreich, mir immer mal wieder an die eigene Nase zu fassen, und mein Training zu verbessern. Immer wieder Verständnis zu bekommen für die Unzulänglichkeiten meines Hundes. Für diese Unzulänglichkeiten bin ich zu einem großen Teil selbst verantwortlich.

Abgesehen davon, dass die Kategorisierung „unzulänglich“ eine sehr persönliche ist, die zu hinterfragen auch unbedingt Sinn macht.

Der grundsätzlich freundliche Blick

Wenn du dir vornimmst, grundsätzlich mit Liebe auf deinen Hund zu schauen, fällt dir das viel leichter. Du bist offener für die Wahrheit. Wenn du erfährst, dass du eigentlich „Schuld“ bist am Verhalten deines Hundes ist das manchmal schon eine harte Nuss.

Darum setze ich das auch in Anführungszeichen. Denn von Schuld sollte keine Rede sein.

Der grundsätzlich freundliche Blick gehört nicht nur deinem Hund, sondern auch dir. Sei genau so nett mit dir, wie du mit deinem Hund bist.

Wir wollen wachsen an den Aufgaben, und wir haben die großartige Chance, von unseren Hunden zu lernen. Mit ihnen gemeinsam wachsen, über uns hinaus, zu etwas weit Größerem zu werden, als wir alleine sein könnten – das ist ein Gedanke, der mich inspiriert.

Sei offen für deinen Hund. Erwarte nicht einfach etwas. Sei bereit, seine Wahrheit zu entdecken.

By |2018-11-27T08:02:45+00:00November 27th, 2018|Hundetraining allgemein, Mindset|2 Comments

About the Author:

Bettina Haas, Hundetrainerin aus Leidenschaft, zeigt dir, wie du zum besten Freund und Trainer für deinen Hund wirst. Damit du schnell und nachhaltig zum Erfolg kommst und dein Leben mit Hund (wieder) richtig genießen kannst!

2 Comments

  1. Christine Strack 27. November 2018 at 13:43 - Reply

    Liebe Bettina,
    Deine Worte zum Thema gefallen mir außerordentlich gut. Sie unterstützen meine Selbstreflexion im Sein mit meinen wundervollen Hunden, unterstreichen die eigene Unzulänglichkeit im täglichen Umgang mit ihnen.
    Besonders die challenge, grundsätzlich mit Liebe und Verständnis auf den Hund zu blicken, erinnert an unsere Aufgabe, verantwortungsvoll und hundgerecht mit dem uns anvertrauten Wesen umzugehen. Danke, LG Christine

    • Bettina Haas 27. November 2018 at 18:24 - Reply

      Herzlichen Dank für das Feedback! Ich kann nichts hinzufügen, du schreibst es so, wie ich es auch empfinde. Danke und liebe Grüße
      Bettina

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