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Wie bringe ich meinen Hund zum Schweigen?

Dem Hund emotional helfen

Wie bringe ich meinen Hund zum Schweigen?

Bellverhalten im Haus bearbeiten

Nicht nur hundliche Impulskontrolle ist endlich

Ich bin im Büro, Grace liegt unten im Wohnzimmer. Ich habe sie entspannt, sie hat gefressen, also alles in Ordnung.

Denkt man.

Plötzlich: WAU WAU WAU in wahnsinniger Lautstärke! Ich falle fast vom Stuhl. Mein erster Impuls: Schreien! Ich will meinen Hund anbrüllen, genau wie er mich gerade anbrüllt. Aber hilft das was? Nö.

Oder doch? Manchmal hört sie ja auf, wenn ich sie anschreie. Ja, ich bin ein offenes Buch und halte mit meinen Fehlern nicht hinterm Berg. Weil ich finde, dass es gut ist ehrlich zu sein. Ich bin kein besserer Mensch als andere. Im Gegenteil. Ich habe große Schwierigkeiten in manchen Situationen mit meiner Impulskontrolle.

So ist es, wenn ich konzentriert arbeite und der Ansicht bin, mein Hund hätte jetzt Pause, weil ich bereits alles für sie getan habe. Ich habe nach dem Frühstück mit ihr gespielt, ich habe eine Menge Leckerchen vorbereitet, uns fertig gemacht und ins Auto verladen und bin mit ihr in einer schönen Gegend spazieren gegangen. Wieder daheim habe ich sie sauber gemacht, wenn es nötig war, ihr Futter und frisches Wasser gegeben, und mich mit ihr einige Minuten entspannt (sofern sie nicht abgelehnt hat, weil sie lieber noch ein Zerrspiel spielen wollte, anstatt zur Ruhe zu kommen).

Mein Tag beginnt um 6 Uhr, und jetzt ist es fast 10 Uhr. Ich habe mich mindestens 2 h um meinen Hund gekümmert, und jetzt sind andere Themen dran.

Mein Hund sieht das gerade anders. Er bellt. Wie muss ich jetzt reagieren? Ich darf doch das Bellen nicht verstärken, wenn ich es weg haben will? Sie soll EINFACH DIE KLAPPE HALTEN!

Alles probiert

Ja, ich habe vermutlich fast alles probiert, was man so probiert in der Situation. Ignorieren. Schimpfen. In die Box schicken. Beachten und beruhigen.

Mit der Folge, dass Grace keine Ahnung hat, wie ich wohl dieses Mal reagieren werde. Das macht zusätzlich Stress. Zusätzlich zu dem Stress, der sie dazu veranlasst, so schrecklich laut zu bellen.

Außen ist ein Reiz

Irgendetwas ist gerade draußen, was sie zutiefst beunruhigt. Manchmal ist es ein größerer Vogel, eine Ringeltaube, die am Teich trinken will. Oder die Nachbarn sind zu sehen, weil sie Vögel füttern oder im Garten arbeiten. Oder ein Eichhörnchen springt durch die Hecke.

Im schlimmsten Fall läuft eine Katze durch den Garten. Das ist der Super-GAU. Bei Katzen könnte Grace fast durch die Glasscheibe springen. Würde sie draußen eine erwischen, ich würde meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass die Katze das überlebt. So wütend wird Grace beim Anblick eines Stubentigers.

Bewachen ist artgerecht

Das eigene Zuhause zu bewachen ist ein absolut artgerechtes Verhalten für Hunde. Nicht zuletzt dafür sind sie ja so beliebt, man fühlt sich doch gleich sicherer, wenn der Hund bei Gefahr anschlägt. Bei Gefahr. Aber hallo, ein Vogel, der Nachbar, eine Katze, ein Eichhörnchen – das sind doch keine Gefahren!

Grace soll gerne toben, wenn ein Einbrecher ins Haus will. Aber doch nicht bei jedem Pups.

Nun sind Einbrecher zum Glück nicht ständig in der Nähe, und Grace dürfte dann also nie bellen. Und das geht einfach nicht, findet sie. Bewachen heißt, ungewöhnliche Dinge melden. Alles was Grace anbellt, sind Reize, die nicht immer da sind.

Katzen durchqueren unseren Garten eher selten, Tauben sind nur alle paar Wochen am Teich zu sehen, die Nachbarn sieht man eigentlich nur im Winterhalbjahr, weil sonst die Hecke zu dicht ist, und Eichhörnchen klettern ebenfalls nicht täglich durch das Geäst unseres Gartens.

Es sind alles außergewöhnliche Reize für Grace. Sie meldet etwas Besonderes, was sie für relevant hält.

Wie werden relevante Reize zu unwichtigen Reizen?

Ich müsste also dafür sorgen, dass diese Reize, die Grace für wichtig hält, nicht mehr wichtig sind. Das Hundegehirn soll diese eher selten auftretenden Sachen für „normal“ und ungefährlich halten.

Kann ich das dadurch erreichen, dass ich sie bestrafe? Wohl kaum. Weil dann der Anblick des Reizes eine Strafe voraussagt. Eine Strafe könnte vielleicht „bestenfalls“ das Bellen unterdrücken, aber das Gefühl des Hundes, dass der Reiz eine Gefahr bedeutet, hätte sich bewahrheitet. Der Hund sieht den Reiz, und bekommt Angst vor der Strafe.

Wenn er überhaupt die Verknüpfung der Strafe mit seinem Bellverhalten herstellen kann, was ich sehr bezweifle, bleibt sein ungutes Gefühl bestehen und führt zu Stress. Je nach Häufigkeit des Reizes kann es chronischer Stress werden, denn irgendeiner der relevanten Reize ist ja doch oft zu sehen. Stress und besonders chronischer Stress führen zu einem angespannten Hund und dadurch zu weiteren unerwünschten Verhaltensweisen.

Wir wollen aber eigentlich, dass der Hund entspannt ist, oder?

Ein entspannter Hund ist ein ruhiger Hund

Ich muss meinem Hund also wieder einmal – helfen. Statt sie anzubrüllen muss ich meinen Platz verlassen und meinen Po die Treppe runter zu ihr bewegen. Dabei freundlich sprechen und ein nettes Gesicht machen. Ich setze mich zu ihr auf das Sofa, ihre Aussichtsplattform. Dann schauen wir gemeinsam, was da ungewöhnliches zu sehen ist.

Sie freut sich und stubst mich mit ihrer Nase ins Gesicht. „Schön dass du da bist!“

Ich erzähle ihr, was ich sehe. Und dass es nicht schlimm ist. Ich massiere ihr den Rücken oder die Brust, und meistens entspannt sie sofort. Dann kann sie sich vom Fenster abwenden, und sich entweder wieder entspannt zusammenrollen oder sie macht eine Spielaufforderung. Auf die kann ich eingehen, muss aber nicht. Wenn ich wieder arbeiten will, gehe ich wieder nach oben. Alleine die kurze Unterstützung hat Grace geholfen, wieder zur Ruhe zu finden.

Ich habe durch die Unterbrechung Abstand zur Arbeit gefunden und manches Mal ist mir eine tolle Idee gekommen dadurch. Unterbrochen zu werden im Flow ist nicht immer so schlimm, wie es sich zuerst anfühlt.

Impulskontrolle üben – bei mir!

Ich übe mich darin, in diesen Situationen Impulskontrolle zu üben. Weil ich verstanden habe, dass alles andere keinen Sinn macht. Wenn ich die Tür zuhaue, weil mich das Bellen nervt, hört Grace zwar oft auf für den Moment, aber sie bellt beim nächsten Mal trotzdem. Außerdem hat sie einmal mehr die Erfahrung gemacht, dass ich nicht für sie da bin, wenn „etwas gefährliches passiert“.

Was wir für etwas völlig normales halten, ist einfach vom Hund aus gesehen viel verunsichernder. Mein Hund ruft mich, weil er sich nicht sicher ist, was es mit dem Reiz auf sich hat. Wenn ich konsequent nett bin und sie unterstütze, lernt sie, dass die Reize nicht gefährlich sind, sondern mich nicht aus der Ruhe bringen. Ich bin entspannt, obwohl das das draußen zu sehen ist. Dadurch kann sie auch entspannter sein, und nach und nach wird sie vielleicht nicht mehr so beunruhigt sein, sondern sich quasi sagen: „Ach, das ist das komische Tier, das  so gut klettern kann, das ist nicht schlimm. Keine Gefahr.“

Strategie zur Bewältigung trainieren

Um die Entspannung zu perfektionieren kann ich noch trainieren, dass sich Grace von selbst vom Fenster löst, und woanders hin geht. Sie wäre zum Beispiel oben im Büro herzlich willkommen, ich könnte sie freundlich empfangen, streicheln und mit ihr sprechen. 

Das muss ich aufbauen. Ich könnte ein Wort oder einen Satz sagen, und mit diesem Satz Grace an den gewünschten Ort führen, indem ich Leckerchen auslege, oder sie mit dem Handtouch immer ein paar Schritte locke und dann belohne, bis sie am Ort angekommen ist.

Welches Signal wählen?

Mit Charly hatte ich so etwas auch schon mal (etwas halbherzig, darum war es auch nie fertig geworden) begonnen. Mein Signal  war: „Have a break“. 

Auch schön ist: „Danke, reicht.“

Oder „Danke, das genügt!“ was mich an Loriot erinnert…

Was genau man sagt, spielt wie immer keine große Rolle. Wichtig ist, dass das Signal immer das gleiche ist, und dass du es freundlich sagst.

Außerdem ist wichtig, das Signal nicht aufzubauen, während draußen der Reiz herumhüpft, sondern einfach so in einer vollkommen entspannten Situation. Denn du willst ja nicht die Aufregung mit verknüpfen, oder? Sondern du willst ein entspanntes, gutes Gefühl mit dem Signal hervorrufen.

Mehr zum Thema Signale findest du hier:

So baust du sichere Signale auf

Hört dein Hund aufs Wort?

Impulskontrolle des Hundes – oder des Menschen?

Häufig geht es um die Impulskontrolle des Hundes. Auch beim Bellen im Haus aufgrund von Sicht-oder Hörreizen wird meistens gefordert, dass der Hund mehr Impulskontrolle bräuchte, und zu schweigen hätte.

Wenn du dir das Ganze genau anschaust, verstehst du aber, dass das Verhalten deines Hundes sehr stark von DEINER Impulskontrolle abhängt. Dabei geht es nicht so sehr um Stimmungsübertragung als darum, dass der gesichtete Reiz mit einer Konsequenz verknüpft wird. Die Lernform wird als Klassische Konditionierung bezeichnet, und ist eine sehr alte und wichtige Form des Lernens. Übrigens auch für uns Menschen. (Denke nur an den Zahnarzt. Du hast ja die Angst nicht durch Stimmungsübertragung bekommen. Und sie geht auch nicht davon weg. Ist aber fest verknüpft mit den Geräuschen und Gerüchen in der Praxis).

Etwas bedrohliches wird nicht weniger bedrohlich, wenn noch eine weitere Bedrohung dazu kommt. Logisch, nicht? Wenn du also schimpfst, weil sich dein Hund bedroht fühlt, wird er denken, dass er Recht hatte mit dem Bellen, weil du auch mit bellst.

Hilfst du ihm statt dessen, wird er merken, dass es ihm gut geht. Dieses Gefühl wird, wenn es regelmäßig und ausnahmslos ausgelöst wird, mit dem Reiz verknüpft im Hundegehirn, und schon ist der „gefährliche“ Reiz immer weniger gefährlich.

Bellen wird immer weniger und seltener gezeigt. Bis es eines Tages gar nicht mehr auftritt.

Willst du zurück auf „Start“?

Äußerst wichtig ist dabei, wirklich IMMER gelassen und freundlich zu reagieren. Denn das Hundegehirn gibt vor, dass eine Gefahr immer Vorrang hat. Wenn du also einmal keine Impulskontrolle mehr hattest, und doch schreist, die Tür zu schlägst oder deinen Hund völlig entnervt in seine Box schickst, hat er gelernt, dass der von ihm erblickte Reiz eben doch unangenehm ist. Es gab unangenehme Konsequenzen. Einmal, aber das genügt.

Das bedeutet, dass du wieder auf Null zurückfällst, wenn du ungehalten reagierst. Mit dem Wissen fällt es mir ein wenig leichter, meine Impulskontrolle zu erweitern. Außerdem erfahre ich jedes Mal, wenn ich Grace unterstütze statt zu schimpfen große Dankbarkeit von ihr. Das ist der größte Lohn für die kleine Mühe, mal den Po vom Schreibtischstuhl zu erheben. Ich finde ja sowieso, dass das analoge Leben immer Vorrang vor dem digitalen haben sollte.

 

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Über die Autorin Bettina Haas

Bettina Haas, Hundetrainerin aus Leidenschaft, zeigt dir, wie du zum besten Freund und Trainer für deinen Hund wirst. Damit du schnell und nachhaltig zum Erfolg kommst und dein Leben mit Hund (wieder) richtig genießen kannst!

4 Antworten

  1. Ein sehr interessanter Artikel. Aber was mache ich wenn ich nicht eine Etage tiefer bin sondern beim Arzt sitze ode einkaufe. Also nicht erreichbar bin ind nur den genervten anruf der nachbarn bekomme 🤯

    1. Hallo Brigitte,
      natürlich kannst Du nicht trainieren, wenn Du beim Arzt bist. Aber jetzt hast Du die Information, dass in dem Bereich Trainingsbedarf herrscht.
      Allerdings stellt sich hier die Frage, ob das Verhalten Deines Hundes vielleicht nur in Deiner Abwesenheit auftritt? Dann handelt es sich vermutlich eher um Trennungsstress.

      Das Alleinebleiben kann nicht jeder Hund gleichermaßen gut ertragen. Wenn Dein Hund damit ein Problem hat, solltest Du sehr kleinschrittig trainieren, dass er sich in der Wohnung wohl fühlt, und einen sicheren Platz hat, den er immer aufsuchen kann.
      Wenn das Problem schon gravierend ist für den Hund, brauchst Du wirklich Geduld für das Training.
      Aber das lohnt sich – denn am Ende fühlt sich Dein Hund sicher und gelassen, auch wenn Du mal nicht zu Hause sein kannst.

      Sollte das mit dem Trennungsstress nicht zutreffen, trainierst Du einfach an dem Bellen, wenn Du vor Ort bist und trainieren kannst. Dann lernt er das auch für die Zeiten, wenn Du nicht da bist – wenn die Lernerfahrung richtig verläuft.

      Viele Grüße
      Bettin

  2. Super guter Artikel, spricht mir aus dem Herz! Mein Rüde ist mittlerweile 9 Jahre alt und man kann sagen es wird immer schlimmer. Seine Nervosität und das bellen bei jedem kleinen Reiz. Somit steigt natürlich auch der Stress unter uns Menschen und das schaukelt sich dann hoch. Wir haben früher schon viele Varianten wie im Bericht genannt probiert und nix hat geholfen. Wir werden nun deine Methode probieren wird aber bestimmt trikki, da die Rudelführerin einen schwache Impulskontrolle hat. Gerne nehmen wir noch Tipps entgegen.

    1. Liebe Nancy,
      heißt das, dass ihr schon 9 Jahre zusammenlebt und sein Verhalten immer schlimmer wird anstatt besser? Das ist nicht gut… für euch beide nicht!
      Ich müsste viiel mehr von euch wissen, um fundiert helfen zu können. Und das geht leider nicht mit einem „Tipp“.

      Mein bester Tipp ist, nicht einfach nur Tipps zu probieren, sondern endlich in gute Training zu investieren und Neues dazu lernen. Damit kannst Du sowohl eure Beziehung verbessern als auch an den speziellen Problemen trainieren. Ich helfe Dir gerne dabei, auch online funktioniert das super.
      Wenn Du magst, lass uns einfach mal telefonieren und die Details besprechen. Hier kannst Du einen Termin für ein Gespräch buchen: Telefongespräch buchen. Das Gespräch kostet nichts und ist unverbindlich.

      Ich freue mich, von Dir zu hören!
      Liebe Grüße
      Bettina

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