Wieviel Gassi ist gut?

Gassi gehen müssen wir, so viel ist klar. Zumindest zwei Mal am Tag sollte jeder Hund eine kleine Runde gehen. Aber wie lange ist wirklich richtig? Genügt das auch?  Und kann es auch zu viel werden?

Wann stellt sich meistens die Frage? Wenn Probleme auftauchen.

Der Hund

  • hat nach dem Spaziergang seine „wilden 5 Minuten“
  • beißt in die Leine
  • setzt sich hin und will nicht weiter gehen
  • setzt sich demonstrativ vor seinen Menschen und stoppt ihn
  • bellt seine Bezugsperson an
  • springt seine Bezugsperson an
  • beißt seine Bezugsperson in die Jacke oder Hose, oder schlimmer…

Diese und andere Dinge werden mir berichtet von meinen KundInnen. Dann frage ich als erstes nach der Dauer und dem Ort des Spaziergangs. Oft wird mir eine „gefühlte Zeit“ genannt, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Da ist von „20 Minuten im Wald“ die Rede. In meinem Kopfkino sehe ich das Team in einem stillen Wald herumschlendern, ohne weitere Menschen, ohne Verkehrslärm, ohne andere Hunde…nur mit viel Ruhe. Dann schaue ich mir das an, und mir wird gezeigt, wo „der Anfall“ passiert ist: An einer mehrspurigen Autostraße mit viel Verkehr, und zwar auf einem todlangweiligen geteerten Rad-und Fußweg, der stur geradeaus geht. Und das war nur der Heimweg. Das ist etwas vollkommen anderes als „mein Wald“ im Kopf. Das soll nur verdeutlichen, dass es furchtbar schwierig ist, über Worte eine Regel zu erstellen wie: „Mit 12 Wochen darf ein Welpe nur 12 Minuten Gassi gehen“, oder „Im Wald  doppelt so lange wie im Ort“.

Die Frage „Wie viel Gassi ist gut?“ lässt sich nicht mit einem einzigen Satz oder einer bestimmten Zeit beantworten. Warum nicht? Weil es auf verschiedene Komponenten ankommt.

Diese Komponenten wollen wir uns jetzt mal genauer anschauen.

Der Hund

Da ist zuerst einmal der Hund, um den es geht. Wie alt ist der Hund, handelt es sich um einen Welpen oder einen erwachsene Hund? Wie geht er mit den Umweltreizen grundsätzlich um? Hat er in seiner Zeit beim Züchter bzw. im vorigen Leben schon einiges kennen gelernt, so dass er optimal vorbereitet ist? Hat er gerade Angstphasen? Hat er mit bestimmten Dingen oder Menschen Probleme? Gibt es eine dramatische Vorgeschichte aus seiner Sicht?  Welche Hormonale Verfassung hat er gerade? Und nicht zuletzt: Ist der Hund gesund?

Diese äußerem und inneren Umstände bewirken beim Hund ein bestimmtes Verhalten, einen Umgang mit den Umweltreizen.

Letztendlich kann man sich diese Fragen also sparen, denn in der Realität arbeiten wir nicht mit theoretischen Größen, sondern mit dem Verhalten des Hundes, das uns seinen Gefühlszustand vermittelt.

Die Bezugsperson

Wie weit ist die Bezugsperson im Training fortgeschritten? Weiß sie, wie sie den Hund optimal unterstützen kann? Geht sie ausreichend auf die Bedürfnisse des Hundes ein? Kann sie im richtigen Moment die richtigen Dinge tun? Je weiter fortgeschritten jemand ist, umso leichter fällt es ihm, in jeder Situation passend zu reagieren. Davon profitiert der Hund und fühlt sich sicher bei seinem Menschen.

Wer noch nicht so weit fortgeschritten ist, muss sich deshalb nicht schämen oder ärgern. Es ist einfach so! Jeder hat irgendwann den Anfang gemacht, und zu lernen begonnen.

Nur wer den ersten Schritt nicht gehen will, hat verloren. Wenn du bereit bist, jeden Tag dazuzulernen, bist du gut genug. Morgen bist du besser als heute, und du bist heute gut genug.

Wer noch beginnt, ist am besten beraten, wenn er sich beim Gassigehen die Regel „Weniger ist mehr“ zu eigen macht. Besonders bei vielen Reizen (was das ist folgt in den weiteren Absätzen) gestaltet man den Spaziergang lieber kürzer.

Die Situation und die Reize

Je nachdem wo man sich befindet sind dort verschiedene Reize. In einem Wald, wo du kaum  jemandem begegnest, sind geruchliche Reize, die für Hunde sehr intensiv und spannend sein können. Es gibt für Welpen vieles zu entdecken: Zapfen von Nadelbäumen, die nach Harz duften, Steine, Gras, Insekten, Vögel, Säugetiere…Der Wind in den Bäumen macht Geräusche, die man nur dort auf diese Weise hört.

Bist du dagegen in einem Wald in Ortsnähe, kann es sein, dass du vielen Menschen begegnest. Menschen, die joggen oder walken, Rad fahren oder spazieren gehen. Menschen, die einfach vorbei gehen und Menschen, die deinen Hund freundlich ansprechen und ihn streicheln wollen.

An einer größeren Straße gibt es Verkehrslärm, der besonders bei Regen zu einer empfindlichen Lautstärke anwachsen kann. Je nach Hundetyp und Vorgeschichte, aber auch abhängig von der Persönlichkeit des Tieres, kann das ein großer Stressor für den Hund sein.

Auch die schnellen Bewegungen der Autos, Fahrräder, Motorräder und anderer Dinge können anstrengend sein für Hunde. Reize ausblenden, so wie wir es tun, gelingt nicht jedem Hund. Besonders Welpen können das noch kaum, denn sie müssen ja erst vieles über die Welt erfahren, und dürfen nicht von vornherein etwas als „sicher“ einsortieren, bevor sie darüber Informationen gesammelt haben.

Die Philosophie  oder „Das muss der lernen!“

Wer sagt, sein Hund muss einfach lernen, sich daran zu gewöhnen, und „der merkt schon, dass ihm nichts passiert!“, hat eine wichtige Sache übersehen:

Dem Hund passiert schon etwas,

in dem Moment wo er anzeigt, dass ihm ein Reiz nicht egal ist.

Gewöhnung tritt nur ein, wenn der Reiz keine Relevanz hat, also nicht als bedrohlich oder besonders toll eingestuft wird. Gewöhnung tritt nicht ein, wenn ein Hund bereits Angst gezeigt hat vor dem Reiz.

Wenn die Angst schon passiert ist, braucht der Hund aktive Unterstützung, um die Angst wieder zu verlieren, und das nennt man nicht mehr Gewöhnung.

Warum also den Hund nicht sowieso unterstützen, sobald man den kleinsten Zweifel an ihm erkennt, ob der Reiz, den er gerade wahrnimmt, bedrohlich ist oder nicht? Wenn ich mir ein Kind vorstelle, das mich fragt, ob der Mensch, der uns  begegnet, uns was tun wird, werde ich auch nicht schweigen, oder? Sondern ich erkläre dem Kind, dass es mit mir zusammen sicher ist, und dass ich a) nicht glaube, dass der Mensch uns was tut, oder/und b) eine Lösung habe wie Ausweichen auf die andere Seite. Genau das mache ich auch mit meinem Hund.

Das Witzige dabei ist, dass genau das die richtige Methode ist, damit der Hund das lernt, und zwar ganz ohne „muss“. Ich gebe nicht die Verantwortung an den Hund ab, indem ich sage: „DER MUSS das lernen!“ sondern ich helfe ihm dabei, es zu lernen. Ein riesiger Unterschied. Und das kannst du auch tun.

Verhalten der Passanten

Gerade im Kontakt mit Menschen spielt die Körpersprache oft eine große Rolle für die Hunde. Ungeübte Menschen stehen meistens frontal dem Hund gegenüber und möchten am liebsten auf dem Kopf streicheln, was kaum ein Hund wirklich mag, schon gar nicht von Fremden.

Anstarren in die Augen ist auch häufig anzutreffen. Natürlich kann und sollte dein Hund lernen, mit diesen „Unzulänglichkeiten“ von uns Menschen zurecht zu kommen, aber das sollte in Ruhe trainiert, und nicht einfach vom Hund erwartet werden.

Wenn Menschen den Umgang mit Hunden gewohnt sind, kann das gut oder auch schlecht sein. Denn es kommt stark darauf an, wie dieser Mensch mit seinem Hund (oder Hunden allgemein) umgehen möchte, welche Philosophie er vertritt. Sieht er sich als „Alpha“ und hält unerwünschtes Verhalten für respektlos? Oder weiß er, dass ein Hund, der an ihm hochspringt, ihn gerade höflich zu begrüßen versucht, und einfach noch nicht gelernt hat, was er statt dessen tun soll?

Hundebegegnungen

Andere Hunde zu treffen ist für Hunde nicht immer so lustig, wie wir uns das vorstellen. Es ist sehr anstrengend, denn jeder Hund muss genau hinschauen, was die Körpersprache des anderen verrät. Ist er freundlich gestimmt?

Meistens ist eine hohe Aufregung im Spiel. Dies führt dazu, dass die Hunde nicht so reagieren, wie sie es in entspanntem Zustand tun würden. Sie können nicht so entspannt denken und auf ihre normalen Strategien zugreifen, die sie nutzen, wenn es weniger aufregend ist.

Nach solchen Treffen bleibt die Erregung  oft noch eine Weile hoch, bis sich alles wieder langsam beruhigt.

Das kann dazu führen, dass die Verarbeitung weiterer Reize weniger gut verläuft, also der Hund schon bei einem normalerweise irrelevanten Reiz reagiert. Man sagt: „Die Reaktionsschwelle ist herabgesenkt“.

Umgekehrt bedeutet das, dass nach solchen Begegnungen früher als normal der Rückweg angetreten werden sollte, und dem Hund mehr als normal geholfen werden muss.

Problem erkannt, Problem gebannt

Jetzt hast du einen Blick für die unterschiedlichen Komponenten bekommen, die bei der Beantwortung der Frage: „Wie viel Gassi ist gut?“ eine Rolle spielen.

Für alle Hunde gilt also: Je nach den Reizen, die euch begegnet sind, wird der Spaziergang länger oder kürzer ausfallen.

Wenn dein Hund andere Menschen wirklich überhaupt keines Blickes würdigt, bei Fahrrädern vollkommen gelassen am Wegrand wartet, Jogger und flotte Walkerinnen ohne sichtbare Reaktion passieren lässt, dann hat er tatsächlich kein Problem mit diesen Reizen. Vermutlich habt ihr auch kein Problem mit irgendwelchen „wilden 5 Minuten“.

Viele andere Hunde, die ich erlebe, finden viel mehr Reize relevant als ihre Menschen normalerweise wahrnehmen. Wenn in der Ferne ein Mensch auftaucht, wird aufgeschaut: „Was kommt da?“ Manche Hunde schauen dann fragend ihre Bezugsperson an, weil sie hoffen, eine Information zu bekommen, wie sie sich verhalten sollen. Bleibt sie aus, muss der Hund selbstständig agieren. Und das wird er tun!

So soll es nicht sein:

Wenn der Hund aus dem zwiespältigen Gefühl heraus den Menschen dann anspringt, um ihn gleich von Anfang an zu besänftigen, ist das Trara groß. „Nein, pfui, aus!“ Und schon wird er weggezerrt, mehr oder weniger unwirsch.

Dabei hat der Hund alles gut gemacht. Lernen wird er aus dieser Situation höchstens, dass es ziemlich doof wird, wenn fremde Menschen kommen. Schon kann aus der anfänglich höflichen Begrüßung ein Vertreiben werden.

Was solltest du also tun?

Unterstütze deinen Hund schon, sobald er zu einem Reiz hinschaut, der für ihn relevant ist. Am besten geht das mit dem Markersignal. Damit fängst du von Anfang an das Gefühl deines Hundes auf, wenn er sich auch nur leichte Sorgen macht.

Warum funktioniert das so? Weil das Markersignal auch als Sicherheitssignal wirkt. Nach dem Markersignal folgt nur Gutes, und das macht im Hundegehirn gute Laune.

Das Markersignal, wie wir es verwenden, ist mit verschiedenen Belohnungen verknüpft, und das ist gut so. Denn nun kannst du entweder einfach ruhiges Lob aussprechen, oder ein Leckerchen geben, mit deinem Hund spielen, oder etwas anderes als Belohnung geben.

Hier kannst du mehr über das Markersignal lesen: Das positive Markersignal

Reizstärke ausgleichen

Je nach der Stärke eines Reizes solltest du also reagieren. Während der Reiz auftritt, unterstützt du deinen Hund durchgehend. Außerdem solltest du früher nach Hause gehen, wenn die Reize eine hohe Stärke hatten für deinen Hund. 

Ich finde es eine gute Lösung, keine Rundwege zu gehen, bis man mehr Sicherheit gewonnen hat. Denn auf Rundwegen geht es immer weiter in „unbekanntes Gebiet“, während du auf dem gleichen Weg hin und wieder zurück auf dem Rückweg auf bekanntem Gebiet gehst. Das verringert die Reizstärke gewaltig!

Ganz besonders Welpen profitieren davon. Sie benötigen nicht „möglichst viele Reize“, sondern viele gute Erfahrungen. Nicht viel hilft viel. Sondern gute Qualität hilft viel.

Unser Empfinden spielt dabei überhaupt keine Rolle!

Wir sehen die Dinge vollkommen anders als unser Hund. Es geht darum, dass es deinem Hund gut gehen muss, um keine Überforderung durch die Umwelt zu erfahren.

Wenn dein Hund nach dem oder während des Spaziergangs regelmäßig seine „wilden 5 Minuten“ hat, hast du ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit überfordert.