So trainierst du Hundebegegnungen ganz entspannt

Schon lange vor dem ersten Bellen sehe ich die Zeichen: Ein kurzes Lecken über die Schnauze, ein unruhiges Schmatzen, zurückgehende Ohren, der Versuch eines Blickes zur Bezugsperson, ob das alles seine Richtigkeit hat.

Doch es geht weiter frontal auf den anderen Hund zu, ohne dass die Bezugsperson irgendwie reagiert. Der Hund hat keine Chance, er muss am Ende explodieren.

Als er es tut, ruckt die Bezugsperson kurz an der Leine und geht einfach weiter. Die Leine straff dass es den Hund würgt, und ohne jegliche Hilfe seitens der eigenen Bezugsperson wird er vorbei gezogen.

Solche Szenen kannst du überall sehen. Ich glaube nicht, dass die Bezugsperson dieses Hundes ihren Hund damit ärgern will, dass sie sich so verhält. Sie hat nur überhaupt kein Verständnis für das Verhalten des Hundes.

Warum macht mein Hund das? Der andere geht doch nur vorbei, da muss man doch kein solches Theater machen!

Der soll einfach an anderen Hunden vorbei gehen und nichts machen.

Andere Hunde ignorieren. Eine häufige Forderung.

Warum ignorieren nicht klappt

Hundebegegnungen sind nicht so wie wir denken, dass sie sind. Für Hunde ist das frontale aufeinander zu laufen eine Bedrohung. Sie verstehen überhaupt nicht, warum wir uns alle so eng aufeinander zu bewegen, warum gehen wir nicht große Bogen, wenn wir nichts von den anderen wollen?

Unser System von Gehsteigen, Straßen, Wegen und Zielen kennen sie nicht. Hunde würden keinem Gehsteig folgen, wenn ihnen ein anderer Hund entgegen kommt. Sie würden den engen Gehsteig verlassen, einen Bogen gehen, wegrennen, oder angreifen. Aber sie würden nicht immer weiter aufeinander zu laufen, wenn sie den anderen dann ignorieren möchten.

Ignorieren kann nur derjenige, der sehr souverän ist. Wer sich stark fühlt, kann durchaus so tun, als ob der andere gar nicht da wäre. Das ist häufig eine sehr höfliche Art, dem anderen zu sagen, dass man nichts tun will. Ich starre dich nicht an, und du mich nicht.

Statt dessen schnüffeln wir beide ein wenig auf dem Boden herum, und beäugen uns aus den Augenwinkeln. Sicher ist sicher.

Erst wenn uns klar ist, dass wirklich keiner von uns angreifen wird, gehen wir weiter.

Ob dein Hund die Stärke besitzt, den anderen zu ignorieren, hängt von seinen Erfahrungen ab.

Erfahrungen bilden Verhalten

Meistens sind es irgendwelche schlechten Erfahrungen mit anderen Hunden, die einem aggressiven Verhalten bei Hundebegegnungen zugrunde liegen. Gar nicht selten liegen diese in der Welpenzeit begründet, wenn die Welpenspielstunde weniger lustig für die Welpen war als der Mensch geglaubt hat.

Da wird gemobbt, überrannt, gebissen und gerempelt. „Da muss er durch“ heißt es dann oft, und der Kleine darf sich bitte auch nicht bei seinem Menschen verstecken, denn das muss er ja lernen.

Zack, schon ist es passiert. Der Welpe lernt. Aber was ganz anderes. Nämlich dass er bei Hundebegegnungen nicht auf die Hilfe seines Menschen vertrauen darf. Der lässt ihn dann im Stich. Er muss das selbst regeln.

Der Welpe wird sich immer häufiger wehren, oder flüchten und sich verstecken. Welche Strategie er wählt, hängt von seiner Persönlichkeit und seinem Typ ab. Und von seinen Erfahrungen, was ihm am meisten hilft.

Egal wie er sich hilft, es wird mit zunehmender Größe des jungen Hundes dramatischer für den Menschen. Er springt vehementer in die Leine, bellt aus Leibeskräften und versucht dabei einfach nur seine Haut zu retten. Auch flüchtende Hunde sind eine Herausforderung. Es ist nicht lustig, zusehen zu müssen, wie der eigene Hund sich sozusagen vor Angst in die Hose macht.

Fassen wir noch einmal die Ursachen zusammen, die zu den unerwünschten Verhalten führen:

  • schlecht geführte Welpengruppen mit daraus resultierender Überforderung des Welpen
  • rücksichtsloses Verhalten der Bezugspersonen bei Hundebegegnungen
  • schlechte Erfahrungen mit Hunden bei Begegnungen
  • Bezugsperson gibt keinen Schutz und keine Alternativen
  • Erlebnisse werden immer wieder negativ gespeichert
  • Begegnungen werden durch den Menschen zu direkt und zu eng gestaltet
  • Hundliche Verhaltensweisen werden durch die Leine unterbunden

Der Hund fühlt sich schlecht

Wenn uns klar geworden ist, dass es unserem Hund schlecht geht in der Situation von Hundebegegnungen, dann erkennen wir auch, dass es keinen Sinn macht, selbst noch eins drauf zu setzen, und an der Leine zu rucken, zu schimpfen oder sonst irgendwie zu strafen.

Dem Hund geht es ja schon nicht gut, wieso sollten wir denn noch etwas Unangenehmes dazu fügen?

Davon wird das Hundeverhalten ja nicht besser. Besser wird es nur dann, wenn wir dafür sorgen, dass es dem Hund besser geht.

Wir müssen dafür sorgen, dass es unserem Hund besser geht

Wie können wir das machen? Wie schaffen wir es, unserem Hund in einer Hundebegegnung ein besseres Gefühl zu geben?

Es ist gar nicht so schwierig.

Wohldosierte Anzahl an Begegnungen

Zunächst einmal sollten wir dafür sorgen, dass wir nur eine wohldosierte Anzahl an Hundebegegnungen am Tag erleben. Wenn du in einem Ballungsgebiet wohnst, kannst du vielleicht mit dem Auto ein Stück weg fahren, wo kaum Leute sind, und wo ihr einfach mal eure Ruhe habt.  Nur an den Übungszeiten gehst du dort hin, wo euch andere Teams begegnen.

Abstand regulieren – Größere Distanz

Zweitens macht es Sinn, den Abstand zu regulieren. Das bedeutet, dass du zunächst gar nicht so nah zu anderen Hunden kommst, dass dein Hund sofort auslöst. Sondern du suchst eine Gegend, wo ihr andere Hunde auf die Entfernung anschauen könnt, und dein Hund noch ruhig reagieren kann. Natürlich wäre der Idealfall eine gestellte Situation. Ein anderes Team, dass extra für dich in gewisser Entfernung steht oder etwas hin und her geht, während du mit deinem Hund das Hinschauen übst.

Alleine davon schon geht es deinem Hund besser. Es ist doch viel einfacher, wenn das andere Team ganz sicher nicht näher kommt, und der Abstand schön groß ist. Und wenn das Nervenkostüm nicht durch ständige Begegnungen strapaziert wird, kann man ganz entspannt mit dem Üben beginnen.

Hinschauen und Stehen bleiben

Wenn du jetzt mit deinem Hund in so einer Übungssituation bist, schaust du genau hin, wann dein Hund den anderen entdeckt. Genau dann folgt dein Markersignal, du bleibst stehen und gibst ihm ein Guttie.

Wenn er nicht fressen mag, kannst du auch andere Belohnungen wählen. Spielen, loben, Streicheln – alles ist grundsätzlich erlaubt, sollte allerdings genau auf die Akzeptanz des Hundes ausgerichtet sein. Denn nur wenn er es wirklich toll findet, ist es auch ein Verstärker. Und wir brauchen echte Verstärker, wenn wir jetzt trainieren.

Noch einmal: Du möchtest erreichen, dass sich dein Hund beim Anblick eines anderen Hundes richtig gut fühlen kann.

Sobald er hinschaut, fügst du etwas Gutes hinzu.

Ist der andere Hund weg, hört auch das Gute auf.

Auch wenn Fressen in dieser Situation nicht die Motivation ist, kann Futter durchaus hilfreich sein. Manche Hunde schlabbern gern an einer Futtertube, oder fressen Käsebröckchen oder Fleischstücke oder Wurstwürfel.  Wie gesagt, alles ist erlaubt.

Die eigentliche Belohnung ist: Die Bedrohung hört auf, und die Ressource wird behalten.

Der andere Hund geht weg, ( = die Bedrohung hört auf) ist also die größte Belohnung. „Die Ressource wird behalten“ kann einfach bedeuten, dass du als Bezugsperson noch zur Verfügung stehst. Das Futter ist natürlich zwar noch da, aber wird erst wieder gegeben, wenn der andere Hund wieder auftaucht.

Wenn das andere Team ein Übungspartner ist, dann ist die Sache am schönsten zu üben. Der andere kann sichtbar sein, und dann hinter einer Hecke verschwinden oder hinter einer Mauer. Nach einigen Sekunden taucht das Team wieder auf, und der nächste Übungsdurchgang beginnt.

Das Markersignal als Schlüssel zum Erfolg

Wichtig bei dieser Übung ist das Markersignal. Du kannst mit dem Markersignal ganz punktgenau den Blick zum anderen Hund hin markieren und nachfolgend belohnen. Damit versteht dein Hund, dass es der Blick zum Hund ist, der belohnt wird.

Du kannst immer wieder markieren und belohnen, schnell nacheinander. Noch bevor sich dein Hund etwas anderes überlegen kann, markierst du schon wieder, und belohnst ihn. Er macht eine gute Erfahrung nach der anderen.

Das unerwünschte Verhalten kann so gar nicht auftreten, und genau so soll es sein.

Denn wir wollen das unerwünschte Verhalten ja nicht immer wieder üben, sondern das neue, erwünschte Verhalten üben.

Klassische und operante Gegenkonditionierung

Konditionierung ist eine Verknüpfung, Gegenkonditionierung ist eine gegenläufige Verknüpfung von einer früher gemachten Konditionierung.

Die sogenannte Klassische Gegenkonditionierung bedeutet, dass du ohne Markersignal einfach etwas Gutes hinzu fügst, sobald der andere Hund zu sehen ist und dein Hund hinschaut.

Dabei wird der andere Hund mit dem Guten verknüpft. Dein Hund kann sich gar nicht dagegen wehren, das passiert einfach im Gehirn. Das ist ein guter erster Schritt.

Die Operante Gegenkonditionierung arbeitet mit dem Alternativverhalten deines Hundes. Dein Hund schaut hin, du markierst das ruhige Hinschauen und belohnst anschließend. Das Gute wird also als echte Belohnung verknüpft, und nicht nur als etwas Gutes.

Beide Ansätze können sinnvoll sein. Wenn du möchtest, kannst du mit der klassischen Gegenkonditionierung beginnen. Da hast du auch nicht gleich alles auf einmal, sondern achtest einfach darauf, dass du Futter gibst, solange dein Hund den anderen sehen kann, und aufhörst damit, sobald der andere weg geht.

Wenn ihr euch an den Vorgang gewöhnt habt, dann fügst du einfach dein Markersignal hinzu: Dein Hund schaut hin – du gibst das Markersignal und die Belohnung. Das wiederholst du immer wieder, solange der andere Hund zu sehen ist.

Nicht auf der Stufe stehen bleiben

Die Klassische Gegenkonditionierung ist ein erster Schritt, um die Tür zu öffnen. Die Tür im Gehirn deines Hundes, die es ihm ermöglicht, ins Denken zu kommen. Sobald eine Tür offen ist, sollte man hindurch gehen. Dann kannst du ohne Probleme mit der operanten Konditionierung das neue Verhalten aufbauen.

Und es geht natürlich auch dann immer noch einen Schritt weiter.

Denn du möchtest vermutlich nicht immer in 50 m Abstand stehen bleiben zu anderen Teams, sondern deinem Hund zeigen, dass es auch näher möglich ist, ruhiges Verhalten zu zeigen.

Wenn also der Abstand 50 m reibungslos klappt, nähere dich auf 45 m an. Übe genau so weiter wie auf 50 m Abstand.

Nach und nach verkürzt ihr den Abstand.

Nicht immer schwieriger

Mache es nicht immer dichter, denn dann wird es mit zunehmender Müdigkeit schwieriger. Sondern spiele mit den Abständen. Gehe zur Belohnung wieder weiter weg, und nähere dich in Kurven ein wenig wieder an. Markiere den Blick zum anderen Hund jedes Mal!

Höre auf mit der Übung, bevor dein Hund nicht mehr kann und doch losplärren muss. Besser du hörst nach 10 Minuten auf zu üben, und hast erfolgreich trainiert, als wenn du 30 Minuten geübt hast, aber am Ende konnte dein Hund nicht mehr und musste dann doch bellen.

Warum so und nicht anders

Wir trainieren also, dass dein Hund den anderen Hund anschauen soll und dafür belohnt wird. Ich höre immer wieder, dass das ein Umweg sei, und es besser wäre, wenn der eigene Hund einfach lernen würde, den anderen zu ignorieren und nur Augen für seinen Menschen hätte.

Das ist nicht richtig. Denn das Gefühl zum anderen Hund kann sich nur dann ändern, wenn ich meinem Hund dazu Gelegenheit biete. Ansonsten behält er sein ungutes Gefühl und lernt nur, zu vermeiden. Er meidet den Blick hin und schaut mir in die Augen, damit es ihm besser geht. Das ist nicht das, was wir erreichen wollen.

Wenn wir nachhaltig am Gefühl unseres Hundes etwas verändern, können wir auch nahen Kontakt eines Tages ermöglichen. Ein Hund, der ein entspanntes Gefühl hat, sobald er einen anderen Hund sieht, wird viel weniger aufgeregt reagieren. Meideverhalten macht innere Aufregung, gilt es doch, bloß nicht hin zu schauen! Obwohl das Objekt der Aufregung ja da ist, und beunruhigend wirkt. Es bewegt sich, vielleicht bellt es sogar….

Und wenn dann ein Hund, der Meideverhalten gelernt hat, plötzlich Auge in Auge mit einem frei laufenden „Der TUT NIX!“ konfrontiert ist, und das Blickkontakt halten mit dir nichts mehr nützt, dann wird er in seiner Sorge einfach mal gepflegt explodieren.

Wenn es dir schwer fällt, dir das vorzustellen, dann nimm folgende Situation:

Du gehst mit einem guten Freund spazieren, da siehst du einen gefährlichen Dinosaurier entgegen kommen. Dein Freund sagt zu dir, du sollst einfach nicht hinschauen, nur ihn anschauen….. Schaffst du das?

Kannst du wegschauen?

Ich glaube es kaum. Der Dinosaurier ist dir doch viel zu gefährlich, um ihn aus den Augen zu lassen, oder? Genau. Und so geht es deinem Hund auch.

Darum nimm dir diese Zeit, in Ruhe an dem Gefühl deines Hundes zu trainieren. Das ist sehr viel nachhaltiger als ein kurzlebiger Blickkontakt zu dir.