Brauchst du als Hundehalter Führungsqualität?

Brauchst du Führungsqualität?

Ist Erziehung etwas anderes als Tricktraining?

Manche Hundehalter glauben, dass man zur Führung eines Hundes eine besondere Gabe bräuchte, die Führungsqualität. Souveräne Führung wird zitiert, die wäre äußerst wichtig. Wenn also etwas nicht so klappt mit dem Hund, liegt es daran, dass der Halter nicht der souveräne Anführer des Rudels sei.

Wenn man dann ein wenig nachfragt, stellt man fest, dass diese Menschen manchmal sogar mit Belohnungen trainieren, sogar mit einem Klicker wird gearbeitet. Aber nur im Tricktraining, nicht bei der Erziehung.

Sie begründen es damit, dass es für die Erziehung wichtig sei, unverfälscht und echt zu sein, und es bräuchte einfach Führungskompetenzen. Erziehung hätte nichts mit Klickern zu tun.

Was ist Erziehung?

Das Wort Erziehung führt sicher bei jedem Menschen zu anderen Bildern. Manch einer erinnert sich vielleicht an seine eigene, schöne und behütete Kindheit, und sagt: „Meine Eltern haben mich sehr liebevoll erzogen.“

Ein anderer hat schlechte Erinnerungen und findet das Wort alleine schon negativ.

Ich erinnere mich, dass es eine Zeit lang kritisiert wurde, weil das Wort „Ziehen“ darin enthalten ist. Es könnte suggerieren, dass an einem Kind herumgezerrt wird, bis es endlich so ist, wie man es sich vorstellt.

Ein furchtbares Bild, oder? Ich habe keine Kinder, aber ich glaube, dass ich Kinder lieber fördern würde. Fördern in ihren Qualitäten, ihren guten Seiten. Anstatt an ihnen herum zu erZIEHEN würde ich versuchen, sie und ihr Verhalten in Bahnen zu leiten.  Damit sie wachsen und aufblühen können, und zugleich Wurzeln haben.

Natürlich benötigt ein Kind Regeln, durch die es geleitet wird. Vor allem braucht es aber Vorbilder. Denn es ist nicht selten, dass Kinder von ihren Eltern unbewusst oder bewusst vieles abschauen. Eine Erziehung über körperliche Züchtigung ist heute so weit weg von unserer Vorstellung, dass man kaum glauben kann, dass das vor einigen Jahrzehnten noch ganz normal war. Zumindest in den meisten Familien.

Wie ist das bei Hunden? Brauchen Hunde Vorbilder, nach denen sie sich richten können?

Können wir die Hundeerziehung vergleichen mit der Erziehung eines Kindes?

Hundeerziehung – was ist das?

Ich sage öfter: „Wir haben einen Erziehungsauftrag für unsere Hunde“.  Damit meine ich, dass ich als Mensch die Verantwortung habe für das Verhalten meines Hundes. Ich muss dafür sorgen, dass mein Hund niemanden belästigt, keinen Unfall verursacht, niemanden verletzt und am besten nur angenehm auffällt.

Dabei hoffe ich, dass das Wort „Erziehungsauftrag“ in den Köpfen ein Bild erzeugt, das dem eines Kindes gleicht. Ein Hund ist kein Kind, das weiß ich. Und es gibt gravierende Unterschiede zwischen Hunden und Kindern.

Der größte Unterschied ist, dass ich mit einem Kind vernünftig sprechen kann. Ich kann altersgemäß ein  gewisses Verständnis erwarten bzw. hervorrufen.  Mit einem Kind kann man auch mal diskutieren, und ich finde, man sollte gute Begründungen anführen können, warum diese oder jene Regel gelten sollte. „Weil ich das sage!“ ist keine gute Begründung.

Ein Hund kann zwar sehr ähnlich fühlen wie wir, aber nicht genau so denken. Sie können bestimmte Aufgaben lösen, die auch Kleinkinder lösen können. Das hat aber nichts mit Vernunft zu tun.

Ich kann meinem Hund nicht erklären,

  • dass er das Reh nicht hetzen soll, weil das arme Reh dann Angst bekommt
  • dass er aufpassen soll an der Straße, damit die Autos ihn nicht überfahren
  • dass er jetzt bei Fuß gehen soll, weil jetzt gerade Hundeführerscheinprüfung ist.
  • dass er an lockerer Leine gehen soll, weil das Ziehen für mich mega anstrengend ist
  • usw.

Darin unterscheidet sich die Erziehung eines Kindes fundamental von der eines Hundes.

Wie erkläre ich es meinem Hund?

Wir brauchen also eine Lösung, um unserem Hund die Dinge zu erklären, die wir von ihm möchten.

Dazu haben wir zwei Möglichkeiten, genauer gesagt sogar vier. Denn die zwei Möglichkeiten Strafe und Belohnung haben jede wieder zwei Unterstufen an Möglichkeiten.

  1. Wir können unerwünschtes Verhalten bestrafen, indem wir
  1. Strafe (also etwas Unangenehmes) hinzufügen
  2. Etwas Gutes, Angenehmes wegnehmen
  1. Wir können erwünschtes Verhalten belohnen, indem wir
  1. Eine Belohnung hinzufügen
  2. etwas Unangenehmes wegnehmen

Wenn du mehr darüber wissen willst, lies hier weiter:

Was du unbedingt wissen musst über Belohnungen und Strafe

Wenn du nun sagst, als Hundehalter müsse man ein souveräner Anführer sein und bräuchte keine Leckerlies und andere Belohnungen, dann bedeutet das, dass du entweder deinen Hund bestrafst oder dass das gute Verhalten durch irgendwas verstärkt wird, ohne dass dir das bewusst ist.

Wenn wir auf das Verhalten unseres Hundes einwirken wollen, gibt es einfach nur diese 4 Möglichkeiten. Reine Souveränität alleine verändert kein Hundeverhalten.

Was kann Souveränität bewirken?

Wenn ein Hundehalter souverän reagiert, bedeutet das für mich, dass er ohne Gewalt reagiert. Gewalt ist bereits Leinenruck, Schnauzengriff, in die Flanke pieksen, ins Ohr kneifen, anschreien, bedrohen, erschrecken, herunterdrücken, umwerfen, und und und…

Wenn du wirklich souverän wirken möchtest auf deinen Hund solltest du auf diese Dinge auf jeden Fall verzichten.

Das sage ich nicht nur so, sondern es lässt sich beobachten, dass wirklich souveräne Hunde solche Handlungen (sofern sie sie ausüben können, gemeint sind einfach körperliche Eingriffe gegenüber eines anderen Hundes) überhaupt nicht benötigen.

Frage dich also, wieso du eigentlich auf diese Dinge zurückgreifen möchtest, wenn du es tust.

Wie du statt dessen Verhalten aufbaust

Statt dieser strafenden Maßnahmen baust du gutes Verhalten über Belohnungen auf. Dein Hund tut Dinge, die sich für ihn lohnen.

Ja, auch wenn du schimpfst, lohnt es sich in gewisser Weise für deinen Hund. Denn er bekommt Aufmerksamkeit. Für manche ist das besser als gar nichts.

Hunde, die frei leben, zeigen ganz deutlich, dass sie über Belohnungen lernen.

„Wieso das denn? Diese Hunde werden doch nicht belohnt???“

Doch, natürlich werden sie belohnt. Wenn sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind, finden sie Futter. Ist das vielleicht keine Belohnung? Selbstverständlich lernen sie auch durch Strafe. Wenn es unangenehm war, einen Ort zu besuchen, lässt man das in Zukunft.

„Warum sollen wir dann möglichst nur mit Belohnungen trainieren? Und nicht mit Strafen erziehen?“

Weil die Nebenwirkungen von Strafe leider ziemlich häufig auftreten. Und weil sie Stress erzeugen, der zu noch mehr unerwünschtem Verhalten führt, und außerdem krank macht.

Erziehung = Gutes Verhalten aufbauen und verstärken

Unser Erziehungsauftrag lässt sich ganz einfach in Worte fassen. Wie müssen gutes Verhalten verstärken, wenn der Hund es zeigt. Denn dann wird es häufiger, stärker und länger gezeigt.

Und neue gute Verhalten können aufgebaut werden, indem man ebenfalls die Technik der positiven Verstärkung einsetzt.

Wenn du jetzt denkst: „Mein Hund macht nur blöde Sachen!“ dann irrst du dich erstens ganz sicher, und zweitens wäre das auch kein Problem, denn du kannst etwas Neues aufbauen und verstärken, bis kein Platz mehr ist für das unerwünschte Verhalten.

Beispiel:

Stelle dir ein Gefäß vor, das voll ist mit Wasser. In dieses Gefäß füllst du den ersten Stein. Ein Schwall Wasser entweicht oben, und der Stein sinkt auf den Grund des Gefäßes. Je mehr Steine (neue Verhalten) du einfüllst, um so weniger doofe Verhalten haben noch Platz. Am Ende kannst du mit kleinen Steinen und Sand auch die Lücken noch füllen, bis das ganze Gefäß nur noch deine Steine, Steinchen und Sand enthält. Aber gut, ein wenig Wasser wird sicher noch im Sand gebunden enthalten sein. Das ist das, was nicht veränderbar ist…

Reine mentale Stärke macht kein gutes Verhalten

Einfach nur souverän zu sein führt nicht zu gutem Verhalten deines Hundes. Allerdings kann es sein, dass jemand, der sehr unsicher ist, und das auch nach außen ausstrahlt, seinem Hund keine gute Stütze ist.

Dabei geht es aber viel weniger darum, dass der Hund denkt, sein Mensch sei ein schlechter Anführer.

Wer selbst sehr unsicher ist, weiß nicht, wie er reagieren kann. Das führt dazu, dass mal dies und mal das ausprobiert wird, und der Hund keine klare Struktur erkennen kann. Sein Mensch ist unberechenbar, weil er es mal mit Liebe versucht, mal mit schimpfen. Kommt jemand vorbei und sagt: „Sie müssen sich mal richtig durchsetzen!“ wird vielleicht genau das probiert, und der Hund versteht die Welt nicht mehr.

Insofern benötigt ein Hundeführer tatsächlich ein gewisses Maß an Souveränität. Aber genau wie beim Hund finde ich, dass es mehr Sinn macht, diesem Hundehalter Dinge zu zeigen, die er tun kann, als zu fordern, er müsse anders SEIN.

Denn anders sein als er ist kann eigentlich niemand. Nicht der Hund, nicht der Mensch. Ist das nicht auch das Tolle, das wir so individuell sind, jeder eine sehr eigene Persönlichkeit hat und diese auch nach außen bringt?

„Liebe deinen Nächsten so wie dich selbst“

Sich selbst anzunehmen mit all seinen Gefühlen und allem was zu einem gehört, ist ein guter Schritt. Niemand muss „ein guter Anführer“ sein, um einen Hund gut zu trainieren oder von mir aus zu erziehen.

Mache dir also keinen Druck, wenn wieder einmal jemand so etwas zu dir sagt. Denke nicht, dass du unzulänglich bist für deinen Hund. Vielleicht hast du einfach noch nicht die richtigen Dinge gelernt, die du brauchst, um in den blöden Situationen richtig zu reagieren. Vielleicht brauchst du noch etwas Input, um zu wissen, wie du Verhalten aufbaust. Aber das alles lässt sich viel leichter lernen als so ein ominöses „Rudelführer“-Gedöns.

Wenn dir das gelungen ist, dich selbst zu akzeptieren mit allen Ecken und Kanten, dann akzeptiere im nächsten Schritt deinen Hund. Auch er hat sicher Ecken und Kanten. Aber schau einmal genau hin.

Dein Hund

  • hat Gefühle, genau wie du.
  • kann Liebe zeigen.
  • kann ärgerlich sein, oder aggressiv.
  • hat eigene Ideen
  • und eigene Vorlieben.

Je länger du hinschaust, und je mehr Liebe in deinem Blick ist, um so mehr verstehst du deinen Hund. Verständnis ist die Tür, durch die gutes Verhalten eintritt. Weil dein Verständnis für den Hund dir den richtigen Weg weist. Es geht nicht um Stärke und Macht. Sondern um Liebe und Training. Dein Hund muss lernen dürfen, auf seine Art.

By |2018-06-24T20:38:06+00:00Juni 24th, 2018|Hundetraining allgemein, Mindset|2 Comments

About the Author:

Bettina Haas, Hundetrainerin aus Leidenschaft, zeigt dir, wie du zum besten Freund und Trainer für deinen Hund wirst. Damit du schnell und nachhaltig zum Erfolg kommst und dein Leben mit Hund (wieder) richtig genießen kannst!

2 Comments

  1. Marion Meyer 28. Juni 2018 at 9:39 - Reply

    Liebe Frau Haas,
    Sie schreiben so klug, durchdacht und differenziert … das ist so selten. Vielen Dank für diesen Artikel!
    Ich habe als Hundeanfänger eine sehr ängstliche Hündin, die aus dem Tierschutz stammt. In der ersten Woche ist sie keinen Schritt gelaufen, was laut Hundeschule an meiner „Souveränität “ lag. Ich bin schier verzweifelt, weil ich nicht wusste, wie ich das ändern könnte und war letztendlich kein Stück mehr souverän. Durch Zufall kam ich darauf, dass meine Hündin kein Sicherheitsgeschirr kannte, sondern nur Halsband, an dem sie sich schließlich auch führen ließ. Durch die Brille der Souveränität ( das war sowieso das Schlagwort der Hundeschule und die Antwort auf alles) wurde dieser Aspekt übersehen.

    • Bettina Haas 28. Juni 2018 at 10:10 - Reply

      Liebe Frau Meyer,
      vielen Dank für das nette Feedback!
      Was Sie da berichten, ist vermutlich leider keine Seltenheit. Ich freue mich mit Ihnen, dass Sie die Lösung gefunden haben! Unterstützen Sie Ihre Hündin mit dem Markersignal und einem Entspannungswort, wenn sie noch Reste der Unsicherheit zeigt. Das hilft tatsächlich. 🙂 Alles Gute für Sie und Ihre Hündin.
      Herzliche Grüße
      Bettina Haas

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