Aller Anfang…

Aller Anfang…

Ein Kunde, der einen Hund aus zweiter Hand zu sich genommen hat, sagte neulich zu mir: „Hätte ich das gewusst, wie anstrengend das wird, hätte ich mir einen Welpen genommen!“

Ich antwortete, dass aber auch die Welpenzeit häufig unterschätzt wird, und ehemalige Welpeneltern es vergessen, wie anstrengend diese Zeit tatsächlich ist.

Denn aller Anfang ist schwer.

Welpenzeiten

Wer einen Welpen zu sich holt, sagt meistens in der ersten Woche, dass alles super sei, und der Welpe offenbar ein Glücksgriff war. Er ist ja so brav! Schläft viel, macht nichts kaputt, und ist schon fast stubenrein. Und Sitz kann er auch schon.

Nach ein paar weiteren Tagen hört sich das oft anders an.

„Wie kann ich ihm sagen, dass er nicht alles anknabbern darf?“

„Wie bringe ich ihm bei, dass er nichts vom Boden frisst?“

„Der Welpe verfolgt mich überall hin, ist das normal?“

„Was soll ich tun, wenn der alles mit den Zähnen beknabbert?“

„Wie sollen wir reagieren, wenn er beißt?“

„Ich habe schon „Aus“ trainiert, aber das macht der nicht!“

„Der ist total überdreht, rennt über Tische und Bänke!“

usw.

Warum macht der das plötzlich?

Weil er ein kleines bisschen erholt ist von den Strapazen der Trennung. Er wurde ja immerhin einfach so aus allem, was ihm bisher vertraut war, weggerissen, und in ein neues Zuhause gebracht. Er kennt nichts. Weder kennt er wirklich die Bezugspersonen, noch deren Gepflogenheiten. Er versteht die Körpersprache noch nicht, und jeder hat andere Regeln. Er bekommt in vielen Fällen ein neues Bett oder einen neuen Platz, der ganz anders riecht als vorher. Und er vermisst seine Geschwister, die immer überall dabei waren. Ganz abgesehen von seiner Mutter.

Dafür konnte er endlich mal in Ruhe schlafen. Kein Geschwisterchen, das ihn zum Spielen auffordert, oder auf ihm herumkrabbelt und ihn dabei aufweckt.

Die Erholung war dringend nötig, um genug Kräfte zu mobilisieren für die Erkundung der neuen Umgebung. Nach und nach lernt er das neue Zuhause kennen, mit allen Geräuschen, Gerüchen und Regeln. Er lernt, welche Menschen dazu gehören und wer ihm das Futter hinstellt. Er lern eventuell weitere im Haushalt lebende Tiere kennen. Er erfährt, welche Verhalten sich besonders lohnen, durch was er Aufmerksamkeit, Spiel und Futter bekommen kann.

Und seine Menschen?

Die meisten nehmen viel Rücksicht. Sie können sich vorstellen, dass der kleine Hund zuerst etwas Ruhe braucht. Sie lassen ihn nicht alleine, und gehen ganz vorsichtig und nur kurz mit ihm raus.

Nach einer Woche oder spätestens nach 2 Wochen ist das in ihren Augen nicht mehr nötig. Die Angst kommt zurück, dass der Welpe doch noch so viel zu lernen hat, und sie nicht alles schaffen, wenn sie nun nicht ganz viel draußen sind mit ihm. Er soll gut sozialisiert werden und sich an alles gewöhnen, was er später mal können muss.

Außerdem hat man jetzt keinen Nerv mehr, so angebunden zu Hause zu sein. Man muss ja mal raus, einen Ausflug machen. Zum See, wo so viele andere Hunde sind. Spazieren gehen an der Promenade, damit alle den Welpen bewundern können. Ihn mit ins Gasthaus nehmen, damit er das gleich lernt.

Die Bezugspersonen des Welpen vergessen die gute alte Regel, dass man so lange spazieren gehen soll mit Welpen, wie sie in Wochen alt sind. In Minuten.

Also sollte man nach dieser Regel mit einem 10 Wochen jungen Welpen 10 Minuten am Stück spazieren gehen. Mit 11 Wochen 11 Minuten. Und mit 12 Wochen – genau, 12 Minuten.

Natürlich ist das eine Faustregel. Nichts muss man absolut wörtlich nehmen. Die Welt geht nicht unter, wenn ich mit meinem 12 Wochen alten Welpen 15 Minuten spazieren gehe. Oder mit dem 9 Wochen alten Hund 12 Minuten.

Gemeint ist vielmehr, dass man lieber kurze Einheiten macht mit seinem Welpen, und danach wieder für Ruhe und Erholung sorgt.  Denn in den Ruhephasen lernt der Welpe auch, das ist die Zeit, wo das Gehirn die ganzen Erlebnisse verarbeitet.

Wie viel Aufregung?

Es ist wichtig, genau darauf zu achten, wie viele neue Reize der Hund tatsächlich gesehen hat. Was für uns vollkommen normal ist, kann für ihn eine sehr aufregende Sache sein.

Ein Nachbar kommt vorbei und streichelt den Welpen.

Ein großer Vogel fliegt über ihn hinweg.

Ein lautes Auto fährt vorbei.

Eine Mülltonne steht herum oder ein gelber Sack raschelt im Wind.

Wechselnde Untergründe: Wiese,  Asphalt, Kies, Waldwege, Pflastersteine…

Falter und andere Insekten.

Laute Geräusche, schnelle Bewegungen.

Begegnungen mit anderen Hunden.

Ganz andere Tiere, Kühe, Schafe…

Alle diese Dinge sind Erlebnisse, die das Hundegehirn verarbeiten muss.

Und da sind ja auch noch die vielen, spannenden Gerüche, die wir gar nicht wahrnehmen.

 

Überforderung passiert oft unbemerkt

Macht man zu viel mit dem jungen Hund, wird das Gehirn vollkommen überfordert. Es fehlen die Pausen. Dann beginnen die Probleme. Der kleine Hund erweist sich als „schwierig“. Er rennt abends minutenlang im Kreis wie ein Verrückter. Viele sprechen von den „verrückten 5 Minuten“, als wäre das normal im Welpenalter.

Leider ist es vor allem deshalb „normal“, weil eben die meisten Menschen ihre Welpen überfordern. Sie sehen ihn nicht als das Hundebaby, das er in Wirklichkeit ist. Sondern sie sehen nur diese wenigen Wochen der Welpenzeit viel zu schnell verschwinden, und glauben,, sie müssten bis zum Ende dieser wichtigen Zeit dem kleinen Hund die ganze Welt zeigen. Das ist falsch.

Was ein Welpe wirklich lernen muss

Statt dessen sollte man dem Welpen zeigen, wie er sich verhalten kann, wenn er Angst hat. Dass man immer für ihn da ist, und ihn unterstützt. Dass er sich auf seine Bezugspersonen immer verlassen kann. Dass sie ihm Gutes geben, und niemals zu einer Gefahr werden durch  das Anwenden von Strafe.

Er sollte lernen zu entspannen, und dass seine Menschen immer wieder für Ruhe sorgen, und ihn nicht überfordern. Er sollte lernen, dass es Spaß macht, mit den Menschen gemeinsam etwas zu tun.

Busfahren, Schifffahren, Auzug fahren, auf einem Bahnsteig stehen, Einkaufszentren durchlaufen ohne Pipi zu machen oder Schlimmeres – all das ist nicht wichtig.

Du kannst dir eines davon aussuchen, wenn es etwas gibt, das du öfter nutzt. Also zum Beispiel den Fahrstuhl, wenn du weißt, dass du öfter einen solchen benutzen musst mit deinem Hund. Oder falls du mit dem Bus zum Gassi fahren musst, kannst du das natürlich tun. Du darfst deinen Hund auch gerne mal auf dem Arm durch ein Einkaufszentrum tragen, oder dich mit ihm dort hinsetzen.

Aber alles sollte nur wenige Minuten dauern, und danach geht ihr wieder in die gewohnte Umgebung zurück.

Wenn dein Welpe gelernt hat, wie er mit neuen Situationen umgehen kann, nämlich alles in seinem Tempo erkunden, und deine Unterstützung annehmen, dann kann er jederzeit im Leben neue Situationen lernen.

Qualität vor Quantität

Hunde lernen ihr Leben lang. Das sollte man wissen, wenn man in die Welpenzeit startet.

Lernen ist in bestimmten Zeitfenstern zwar besonders leicht möglich, das ist richtig. Aber aus genau dem Grund ist die Qualität immer höher zu bewerten als die Quantität.

Denn genau so wie ein Welpe lernt, sich wohl zu fühlen in einer Umgebung, kann er auch lernen, dass ihn alles Neue einfach furchtbar überfordert. Und dann hast du mit deinem gut gemeinten Training genau das Gegenteil erreicht von dem, was du eigentlich wolltest. Dann hast du einen Hund, der Angst hat von neuen Dingen und Umgebungen. Der das Gefühl hat: „Jetzt kommt wieder was, dem ich nicht gewachsen bin!“

Nur weil du die gute alte Faustregel so überhaupt nicht beachtet hast.

Mit einem erwachsenen Hund starten

Wer jetzt denkt, dass es dann wohl leichter sei, einen erwachsenen Hund zu sich zu holen, irrt. Ausnahmen gibt es immer, aber natürlich auch bei Welpen. Und häufig hängen sie mit einem superguten Start beim Züchter zusammen.

Einen Junghund oder erwachsenen Hund aufzunehmen bedeutet, ein Überraschungspaket zu bekommen. Denn auch hier gilt: Zunächst wird vermutlich „alles gut“ sein. Der Hund hat gerade genau wie ein Welpe all das verloren, was er vorher kannte. Schwupp – ist er bei völlig fremden Menschen in einer völlig neuen Umgebung.

Ich fand es damals erstaunlich, als Grace zu uns kam, wie selbstverständlich es von außen aussieht. Grace hat das Weggehen ihrer Bezugspersonen überhaupt nicht beachtet. Sie knabberte an irgendwas Leckerem, und hat weder in dem Moment noch später irgendein Anzeichen von Jammern oder Sehnsucht nach „ihren“ Menschen gezeigt. Als wäre alles normal für sie.

Als wäre alles normal

Aber das ist es nicht. Nichts ist mehr so wie vorher. Das stresst. Und ich weiß aus Erfahrung, dass es nicht nur für den Hund stressend ist, sondern ganz besonders auch für den Menschen. Das Kennenlernen muss Zeit bekommen. Man lässt den neuen Hund nicht einfach so alleine. Manche Dinge gehen einfach nicht, wie mal eben einkaufen fahren, weder ohne Hund noch mit Hund. Einen vernünftigen Spaziergang machen.

Ich war bestimmt 14 Tage fast nur zu Hause. Ich war gestresst, weil ich Grace nicht kannte, wie sie reagiert, wie sie tickt. Ihr ging es genau so. Nach zwei Wochen wäre ich fast durchgedreht.

Mich störte so viel:

Ihre Rennrunden in unserem Haus. („Wilde 5 Minuten“)

Das Buddeln nach eingebildeten Mäusen unter unserem Teppich.

Das Jagen von Fliegen, obwohl gar keine da war.

Ihr „Aussteigen“ aus Situationen, wie Hinlegen und Ästchen knabbern statt spazieren gehen.

Dass sie kein Futter nehmen konnte.

Ich wollte so viel.

Die Liste der Dinge, die ich mit Grace trainieren wollte, umfasste mindestens eine DIN A 4 Seite, glaube ich. Und ich wollte das alles in höchstens 3 Monaten schaffen. Länger kann das doch nicht dauern, einen Hund zu erziehen.

Aber mit Grace war an Training am Anfang überhaupt nicht zu denken.

Gehirne im Ausnahmezustand

Wieso ich mein Gehirn nicht normal benutzen konnte in diesen ersten Wochen weiß ich nicht. Vermutlich war ich mindestens so überfordert wie Grace von der ganzen Situation. Ich konnte mich genau so wenig auf dieses neue Leben einstellen wie sie. Und so geht es auch vielen anderen Menschen, die „nur mal schauen“ und sich in einen bestimmten Hund verlieben, der dann viel schneller einzieht als geplant.

Eigentlich wollten wir keinen Hund für einen längeren Zeitraum. Wir wollten reisen. Ohne Hund, auch mal weiter weg. Wir hatten eine Reise gebucht nach Portugal. Und storniert. Weil Grace dazwischen kam.

Dass mich jetzt niemand missversteht: Ich liebe Grace, und ich bereue es nicht, dass ich mich damals in sie verguckt habe. Ihre Art ist unwiderstehlich, und heute finde ich es großartig, dass ich vom ersten Tag an wieder so viel gelernt habe.

Denn mit unserem vorigen Hund lief alles seinen gewohnten Lauf. Wir kannten uns seit 14 Jahren, und jeder wusste vom anderen, was er braucht und wie er tickt. Außerdem sind alte Hunde oft wirklich nett. Die Streitereien mit anderen Hunden sind nicht mehr wichtig, Ruhephasen werden ausgekostet, das Gehen wird weniger und langsamer, Jagdverhalten wird nur noch „ein bisschen“ ausgeführt und der Hund kann viel frei laufen.

Ich musste nichts mehr lernen, außer vielleicht die Maßnahmen für ältere Hunde, wie Physiotherapie, Unterstützung beim Einsteigen ins Auto durch eine Rampe, und das Abschied nehmen am Ende des gemeinsamen Weges…

Mit jedem neuen Hund lernt man dazu

Als Grace kam, wusste ich vom Kopf her, dass ich dazu lernen würde. Aber ich wusste nicht mehr, was das genau bedeutet.

Mir war nicht klar, worauf ich mich eingelassen hatte. Ich wollte viel zu viel und hatte keine Geduld. Ich dachte, dass das von mir als Hundetrainerin erwartet würde, dass mein Hund nach 3 Monaten alles kann. Ist ja kein Welpe mehr! Sie war 8 Monate alt, als sie zu uns kam.

Um es kurz zu machen: Wir üben noch immer. Logisch. Wir werden das ganze Leben lang Dinge trainieren. Es gibt tausend Herausforderungen, und wir hangeln und voran. Kleinschrittig, so wie wir uns wohl fühlen damit.

Was ist nun besser: Welpe oder erwachsener Hund?

Die Frage, was denn nun besser sei, einen Welpen zu nehmen oder lieber einen älteren bzw. erwachsenen Hund ist nicht zu beantworten.

Manche Menschen haben tatsächlich Glück. Sie nehmen einen Hund aus dem Tierschutz auf und müssen sich kaum anstrengen, um ihn zu einem netten, freundlichen und souveränen Begleiter zu machen.

Andere bemerken nach einiger Zeit, dass es doch größere Aufgaben gibt, die zu bearbeiten sind. Seien es Begegnungen mit anderen Hunden, Aggressionsverhalten oder Ängste.

Gerade die Ängste werden von vielen Menschen unterschätzt. Da nimmt man den verängstigten Hund auf, und hofft im Stillen, dass sich die Angst von selbst legt. Nach und nach stellt man fest, dass die Ängste statt dessen immer mehr werden. Sie belasten das Leben des Hundes genauso wie das der Menschen.

Bei Welpen weiß auch niemand, wie sich der junge Hund im Laufe der Jahre verändern wird. Man kann nur versuchen, durch gutes Training das Beste aus ihm zu machen.

Ankommen dauert eher Monate als Tage

Egal ob es sich um einen Welpen handelt oder einen erwachsenen Hund: Das innere Ankommen und sich geborgen Fühlen dauert seine Zeit. Vielleicht sind Welpen darin etwas überlegen, aber vielleicht zeigen sie auch einfach noch viel weniger, wie sehr sie noch fremdeln.

Viele meiner Kunden sagen mir, ihr Hund hätte sich jetzt eingelebt, er sei „angekommen“, wenn er so ca. 2-4 Wochen bei ihnen ist. Ich bezweifle das.

Ich meinte im Mai 2016 auch, dass Grace sicher nach einem Monat spätestens angekommen sei. Bei ihr hat dieser Prozess definitiv sehr viel länger gedauert. Wie lange genau kann niemand sagen, aber ich tippe auf fast ein ganzes Jahr. Dazu kommt natürlich, dass die Junghundezeit bis zum völligen erwachsen werden auch eine schwierige Zeit ist.

Auch das ist etwas, wo jeder Welpenbesitzer eines Tages durch muss. Die Junghundezeit ist viel länger als die Welpenzeit und mindestens ebenso anstrengend.

Egal wie: Ein Neuer Hund braucht Zeit und Geduld

Man kann sich drehen und wenden wie man will. Wer einen neuen Hund zu sich nimmt, wird sich wundern.

Über die Umstellung.

Darüber, dass nichts mehr so ist wie es war.

Dass der neue Hund so ganz anders ist als der alte.

Dass es Probleme gibt, die man noch nie hatte.

Dass man mit dem, was man bisher gelernt hat, nicht klar kommt beim neuen Hund.

Aber auch über die guten Dinge.

Dass dem neuen Hund etwas ganz leicht fällt, wobei man mit dem vorigen Hund solche Schwierigkeiten hatte.

Über die Liebe, die das neue Familienmitglied einem entgegenbringt.

Über die speziellen Einfälle des Hundes, die einen zum Lachen bringen.

Wer sich auf beides einlässt, macht den ersten richtigen Schritt. Akzeptiere den neuen Hund voll und ganz so wie er ist und lenke den Fokus auf das gute Verhalten. Freundliches und durchdachtes Training ist der zweite Schritt. Und schon sieht die Welt wieder ganz anders aus.

Dann wird aller Anfang leicht.

By |2018-08-11T20:58:35+00:00August 11th, 2018|Hundetraining allgemein|0 Comments

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Bettina Haas, Hundetrainerin aus Leidenschaft, zeigt dir, wie du zum besten Freund und Trainer für deinen Hund wirst. Damit du schnell und nachhaltig zum Erfolg kommst und dein Leben mit Hund (wieder) richtig genießen kannst!

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