Was du über Impulskontrolle beim Hund wissen musst

Buddeln als Ausgleich

Was du über Impulskontrolle beim Hund wissen musst

Es ist windig, und überall fliegen Blätter. Grace ist kaum aus dem Auto ausgestiegen, da springt sie schon zum ersten Blatt hin. Zack! Ich fliege hinterher…

Eigentlich hat sie gelernt, dass sie nach dem Aussteigen kurz warten muss, bis ich meine sieben Sachen beisammen habe und wir sortiert und gemeinsam losgehen. Aber heute kann sie es nicht. Sie kann bei den fliegenden Blättern und dem aufregenden Windgeräusch keine Impulskontrolle aufbringen.


Was du über Impulskontrolle wissen musst

Blöder Hund?

Ich gebe zu, dass ich das doof finde, wenn es mich plötzlich herumreißt, weil Grace irgendeiner Bewegung nachspringt. Das kann auch ein wackelnder Grashalm sein bei Bedarf… und ja, es nervt. Aber die Kehrseite dieses Verhaltens genieße ich: Wenn ich Grace rufe, dann reißt sie sich oft direkt herum, und rennt so schnell sie kann zu mir.

Wenn wir im Haus kleine Trainingsspiele machen, dann wechselt sie so zackig von Sitz in Platz und Steh, dass es eine reine Freude ist. Grace ist ein schneller Hund. Und wenn diese Schnelligkeit, diese impulsive Kraft in unserem Sinne genutzt wird, dann gefällt es uns.

Wird sie dagegen genutzt für Dinge, die wir gerade nicht wollen, dann stört es uns.

Nicht fair, oder?

Wir können nicht auf der einen Seite eine Gabe schätzen, aber auf der anderen Seite verteufeln. Aber natürlich können wir eines tun: Trainieren.

Darum wollen wir heute  mal genauer hinschauen. Was ist denn diese Impulskontrolle eigentlich, und wie trainiert man mit seinem Hund diese Fähigkeit?

Was ist Impulskontrolle

Wie der Name schon sagt, bedeutet es, dass ein Individuum seine Impulse willentlich kontrollieren kann. Eigentlich wissen wir alle ganz genau, wie schwer das ist, oder? Der eine hat keine Impulskontrolle, wenn er Schokolade sieht. Der andere kann sich nicht zügeln, wenn jemand vor ihm zu langsam fährt. Die dritte kann sich nicht stoppen beim shoppen.

Aber unsere Hunde sollen bitte jederzeit ihre Impulse unter Kontrolle haben? Das kann natürlich um so weniger gehen, weil die Hunde es noch schwerer haben,  Impulskontrolle auszuüben als wir Menschen.

Das heißt, dass wir uns am besten an uns selbst erinnern, wenn unser Hund mal wieder  gefühlt „versagt“ bei der Impulskontrolle.

Was ist ein Impuls?

Impulse sind starke Anregungen an das Gehirn, die eine schnelle Reaktion nach sich ziehen. Wenn einen jemand angreift, hat man den Impuls, sich sofort zu wehren. Wenn gute Essen da steht, hat man den Impuls, zuzugreifen. Wenn Wild auftaucht, hat ein jagender Hund den Impuls, es zu verfolgen. Wo es gut riecht, hat ein Hund den Impuls zu schnüffeln, oder sich zu wälzen.

So geht es Grace mit den Blättern. In ihrer Rasse wurde ja eine schnelle Reaktion auf bewegte Reize extra hingezüchtet. Denn wenn ein Jagdhund bei der Arbeit erst lange darüber nachdenkt, ob der das Wild nun verfolgen möchte, oder lieber doch nicht, naja…ist klar oder?

Damit das mit der schnellen Reaktion so klappt, gibt es im Gehirn extra einen Bereich dafür. Das ist der emotionale Bereich und der für sofortige Reaktionen, der das Überleben gesichert hat. Sobald ein Gefühl von Gefahr entstand, musste eine schnelle Reaktion her und genauso ist es bei bestimmten Reizen wie die Bewegung oder der Geruch von Beutetieren.

Ein Impuls entsteht also aufgrund eines Reizes in der Umwelt und führt zu einer gewünschten, schnellen Reaktion.

Das Gehirn ist ein Wunderwerk

Das Gehirn von Säugetieren ist ein Wunderwerk, wenn man sich anschaut, dass es für diese Überlebenswichtigen Dinge einen extra Bereich gibt, der die Reize einfach viel schneller weiterleitet. Und das sofort an die richtigen Stellen. Dadurch kann die schnelle Reaktion stattfinden.

(Klar ist diese Unterteilung ein bisschen vereinfacht. Aber durch die Vereinfachung kann man das ganze feine Zusammenwirken leichter verstehen, denn das Gehirn ist nun einmal ein hochkompliziertes Organ.)

Dieser Vorgang der superschnellen Weiterleitung verhindert geradezu ein langes Nachdenken. Denn hätten wir damals in der Urzeit lange nachgedacht, wenn Gefahr drohte, wären wir heute nicht mehr auf der Erde.

Nachdenken können wir hinterher. Aber im Moment des Impulses nicht. Oder jedenfalls nicht immer.

Denn es gibt natürlich schon eine Möglichkeit, zu lernen, die Impulsivität unter Kontrolle zu bekommen.

Der Präfrontale Kortex

Das Gegenteil der Impulsivität, also dem schnellen Reagieren auf bestimmte Reize, ist die Impulskontrolle. Wer seine Impulse kontrollieren kann, hat eine gute Selbstbeherrschung oder Selbstkontrolle.

Für die Reaktion der Impulskontrolle ist natürlich auch ein spezieller Bereich im Gehirn zuständig, das ist der Präfrontale Cortex. Dieser Bereich ist für das eigentliche Denken zuständig, wieder grob vereinfacht gesehen.

Wenn es gelingt, zu denken, bevor wir reagieren, haben wir gewonnen.

Klingt leicht, ist aber ganz schön schwer. Und wie du schon weißt: Für dich ist es leichter als für deinen Hund. Wow!

Was du wissen musst, um Impulskontrolle zu trainieren

Wenn du jetzt an der Impulskontrolle deines Hundes trainieren möchtest, solltest du ein paar Dinge darüber wissen.

  1. Impulskontrolle kann nur situationsgebunden trainiert werden.
  2. Impulskontrolle wird quasi verbraucht wenn sie gezeigt wird.
  3. Stress verringert die Fähigkeit zur Impulskontrolle.

Schauen wir uns die drei Punkte mal einzeln an.

Impulskontrolle kann beim Hund nur situationsgebunden trainiert werden

Das bedeutet, dass es gar nichts bringt, deinen Hund Käsestückchen auf der Nase aushalten zu lassen, um seine Impulskontrolle an Wild oder Pizza auf dem Spazierweg zu stärken. Denn das kann er nicht übertragen.

Du musst genau dort trainieren, wo du die Impulskontrolle haben möchtest. Wenn du also willst, dass dein Hund Wild nur anschaut, aber nicht hetzt, dann musst du das genau dort üben, wo ihr Wild seht. Und nicht am Ball.

Ich trainiere also an den Tagen mit fliegenden Blättern daran, dass Grace lernt, nur zu schauen ohne zu springen. 

Hunde können lernen, wo/wann es sich lohnt, Impulskontrolle zu zeigen.

Impulskontrolle wird quasi verbraucht wenn sie gezeigt wird

Wenn dein Hund bereits Impulskontrolle gezeigt hat, ist es für ihn schwieriger, es wieder zu können. Je mehr Impulskontrolle du also bereits verlangt hast, um so weniger kann dein Hund noch davon aufbringen. Sie ist irgendwann „alle“.

Auch das kennen wir, oder? Wir reißen uns den ganzen Tag zusammen, und können trotz verbaler Angriffe anderer Menschen, unmöglichem Verhalten anderer Hunde und ihrer  Menschen und sonstiger Dinge ganz überlegt reagieren. Aber dann irgendwann platzen wir, weil das Aufbringen der Impulskontrolle nicht mehr möglich war. Sie war einfach verbraucht.

Stress verringert die Fähigkeit zur Impulskontrolle

Wieder etwas, was uns genauso geht. Wenn wir unter chronischem Stress leiden, können wir viel weniger gelassen reagieren als normalerweise.

Das geht unseren Hunden nicht anders. Darum ist es so wichtig, immer wieder zu schauen, ob es im Alltag Stressoren gibt, die man vermeiden oder verringern kann.

Du weißt ja, dass die Fähigkeit zur Impulskontrolle im Präfrontalen Kortex entsteht. Wenn aber Stress ins Spiel kommt, wird ein Hormon ausgeschüttet, nämlich Cortisol. Cortisol verringert die Leistungsfähigkeit des – ja genau: des Präfrontalen Kortex.

Jetzt weißt du, warum dein Hund nicht so gut denken kann, wenn er Stress hat. Und denken ist nötig, um die Kotrolle über das eigene Verhalten zu haben und ein anderes Verhalten zu zeigen als das, was der Impuls da eigentlich hervorruft.

Hier kannst du weiter lesen über Stress:

Hintergrundstress – was ist das?

Stressfrei trainieren

 

Deine To do`s:

  • Überlege dir, in welchen Situationen du wirklich dringend Impulskontrolle bei deinem Hund benötigst.
  • Schreibe dir eine Liste, wann du im Moment Impulskontrolle forderst.
  • Streiche alle Situationen, in denen du „nur so aus Spaß“ Impulskontrolle erwartest.
  • Übe Impulskontrolle also nicht wahllos an allem Möglichen!
  • Mache dir klar, dass dein Hund nicht unendlich viel Impulskontrolle zur Verfügung hat, sondern dass er sein Reservoir durch Ruhe und Nahrungsaufnahme wieder auffüllen muss.
  • Trainiere gezielt in der passenden Situation an einem neuen Verhalten, in der dein Hund Impulskontrolle zeigen soll.
  • Impulskontrolle zu zeigen muss ich lohnen!
  • Verringere Stressoren so gut wie möglich, um das beste Ergebnis zu erzielen. Besonders chronischer Stress ist zu vermeiden.
  • Sorge für ausreichend Ruhephasen, so dass sich das Gehirn wieder erholen kann.
  • Erholung von chronischem Stress dauert so lange, wie der Stress vorher gewirkt hat.

 

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Über die Autorin Bettina Haas

Bettina Haas, Hundetrainerin aus Leidenschaft, zeigt dir, wie du zum besten Freund und Trainer für deinen Hund wirst. Damit du schnell und nachhaltig zum Erfolg kommst und dein Leben mit Hund (wieder) richtig genießen kannst!

4 Antworten

  1. Hallo liebe Bettina,
    könntest du beschreiben, wie das zum Beispiel aussieht, wenn du mit Grace übst, dass sie den fliegenden Blättern nicht hinterher soll?
    Unser Jagdhund-Jungspund 10 Monate und ich freuen uns schon auf den Herbst 🙂
    Herzliche Grüße

    1. Hallo Anonymous 😜,

      das hier habe ich gerade an Nadine geschrieben, die die gleiche Frage hatte:
      „Am besten trainierst Du, bevor der Hund springt. Das bedeutet, dass Du zum Beispiel die erste Orientierung Richtung Blätter markierst und belohnst. Notfalls sogar gefühlt noch früher – wenn Du nur ahnst, dass gleicht Blätter fliegen…
      Der Gedanke dahinter ist: Wir haben immer ein gutes Verhalten, bevor das unerwünschte Verhalten auftritt. DAS verstärken wir – und kommen so aus der Nummer raus, auf unerwünschtes Verhalten reagieren zu müssen.

      Hoffe das hilft?
      Liebe Grüße
      Bettina“

  2. Hallo Bettina, vielen Dank für diesen interessanten Beitrag.
    Wie genau kann man den trainieren, dass der Hund, den fliegenden Blättern nicht hinterher rennt, sondern nur zuschaut? Wo / Wie setze ich da an?
    Liebe Grüße

    1. Hallo Nadine,
      am besten trainierst Du, bevor der Hund springt. Das bedeutet, dass Du zum Beispiel die erste Orientierung Richtung Blätter markierst und belohnst. Notfalls sogar gefühlt noch früher – wenn Du nur ahnst, dass gleicht Blätter fliegen…
      Der Gedanke dahinter ist: Wir haben immer ein gutes Verhalten, bevor das unerwünschte Verhalten auftritt. DAS verstärken wir – und kommen so aus der Nummer raus, auf unerwünschtes Verhalten reagieren zu müssen.

      Hoffe das hilft?
      Liebe Grüße
      Bettina

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