Warum Begegnungstraining bei mir unspektakulär aussieht

Warum Begegnungstraining bei mir unspektakulär aussieht

Ich habe ein Video eingestellt in Facebook. Eine Kundin trainiert mit ihrem Hund an Hundebegegnungen. Wir sind in einer Fußgängerzone, und plötzlich erscheint ziemlich nah ein anderer Hund.

Ich filme die Situation mit dem Handy und lade es später in Facebook hoch. Es gibt Lob und auch eine Frage. „Aber der Hund ist doch vollkommen ruhig?“

Ja, genau. Man sieht nichts.

Kann es nicht sein, dass dieser Hund gar keine Probleme hat mit anderen Hunden?

Von Fakes und anderen Lügen

Natürlich weiß ich, was alles im Netz getrieben wird. Es wird sicher viel gelogen und betrogen. Jeder versucht, sich im besten Licht zu zeigen. Die Schattenseiten werden häufig verschwiegen.

Andererseits fände ich es auch schade, wenn jeder nur meckern und sich beklagen würde. Ich selbst bin seit einigen Jahren ein positiv denkender Mensch geworden. Mich macht es glücklicher, den Fokus auf das Gute zu lenken, anstatt ständig unzufrieden und schimpfend durch die Welt zu gehen.

Aber zurück zu dem Video. Ja, ich könnte schummeln. Ich kann behaupten, dass dieser Hund vorher einen anderen Hund totgebissen hätte, und sich so oder so benommen hätte, wenn er anderen Hunden begegnete. Und kaum hätte ich mit ihm trainiert, ist er lammfromm geworden, und das Problem ist über Nacht verschwunden. Kann ich tun.

Tue ich aber nicht.

Wie sich dieser Hund tatsächlich benommen hat, kann ich nicht mal sagen. Weil ich es nicht sehen muss, um der Kundin zu helfen.

Ich muss das doofe Verhalten nicht unbedingt sehen

Ich lasse mir erklären, was die Kundin verändern möchte, wie ihr Problem genau aussieht. Wenn sie sagt, ihr machen die Spaziergänge keinen Spaß mehr, weil ihr Hund ihr mit seinem Verhalten Angst macht, kann ich mir das Verhalten schon in etwa vorstellen.

Der Hund ist nicht ansprechbar, er springt in die Leine und bellt aufgeregt. Vielleicht stürzt er sich auf den anderen Hund, wenn es möglich ist.

Zumindest fühlt sich die Bezugsperson damit sehr unglücklich, und weiß nicht, wie sie richtig reagieren soll. Vielleicht hat sie vorher schon diverse Dinge ausprobiert, und nichts davon hat geholfen.

Das nagt am Selbstwertgefühl. „Kann ich nicht mal einen Hund erziehen?“ fragte ich mich damals, als ich in der gleichen Situation war.

Angst vor dem Verhalten des eigenen Hundes

Wer Angst hat, dass der Hund sich wieder so furchtbar benimmt, traut sich vielleicht nicht einmal, einen Trainer zu Rate zu ziehen. Denn so eine Situation auch noch vor den Augen des Trainers zu erleben, da schämt man sich in Grund und Boden.

Außerdem hat man immer die Sorge, dass es doch einmal völlig eskaliert, und der eigene Hund wegen seines blöden Verhaltens ernsthaft gebissen wird.

Angst lähmt. Und wenn man genau hinschaut, hat der Hund ja auch Angst. So laufen Hund und Halter gemeinsam herum und sind gelähmt vor Angst, dass wieder etwas Schlimmes passiert.

Das ist der Grund, warum ich weder Mensch noch Hund damit belaste, dass ich das Verhalten zuerst filmen möchte. Denn der Hund übt dabei sein Verhalten ein weiteres Mal ein, und verknüpft die Situation auch mit meiner Person.

Ebenso geht es dem Menschen. Das Gefühl der Hilflosigkeit verstärkt sich um eine weitere Übung und wird unbewusst mit meiner Anwesenheit verknüpft.

Erfolgstraining

In meinen Coachings gehe ich anders vor. Ich versuche nicht, das unerwünschte Verhalten so oft wie möglich ablaufen zu lassen, um es zu unterbinden und zu bestrafen, sondern ich übe mit dem Team ein neues Verhalten.

Ich übe mit dem Team ein neues Verhalten.

Sobald ich da bin, beginnen wir, an etwas Neuem zu arbeiten. Wir verbessern die Kommunikation zwischen Hund und Mensch. Wir zeigen dem Hund, was genau wir von ihm erwarten. Wir zeigen ihm, dass er sich sicher fühlen kann ab sofort. Und wir zeigen ihm, was er selbst aktiv tun kann, um sich besser zu fühlen.

Das kann jeder Hund lernen. Und jeder Mensch kann lernen, seinen Hund dabei zu unterstützen.

Bereit für etwas Neues sein

Das einzige, was die Bezugsperson tun muss, ist bereit zu sein für etwas Neues.

Wer immer nur in den alten Geschichten hängt gedanklich kann nicht offen sein für ein neues Kapitel. Wer von Anfang an glaubt, sein Hund sei besonders schlimm, und er würde das nie lernen, gibt weder dem Hund noch sich selbst eine Chance.

Das erkläre ich meinen Kundinnen. Aber meistens sind sie so was von bereit!

Denn die Vorstellung, dass dieser Albtraum vom Gassi bald ein Ende hat, ist einfach zu verlockend. Und mit einer Vorstellung, einer Gedankenreise, kann jeder sofort beginnen.

Gedankenreise

Eine Gedankenreise ist mehr als nur ein Spiel. Dein Unterbewusstsein wird verstehen, wo du hin willst, wenn du dein Ziel in einer Gedankenreise schon durchlebst. Keine meiner Kundinnen hat das schon live erlebt, denn die echte Erfahrung im Leben ist ja leider das Gegenteil dessen, was wir erreichen wollen.

Was man noch nie erlebt hat, baut eine Barriere im Gehirn: Ich kenne das nicht, das gibt es nicht.

Aber jeder hat schon eine Situation mit dem Hund erlebt, in der die Leine locker war, und der Hund fröhlich zu seinem Menschen geschaut hat. Da knüpfen wir an.

Die Gedankenreise baut den ersten schmalen Pfad im Gehirn, der zum Ziel führt. Das Gehirn bekommt die Information, dass das Ziel erreichbar ist. Nach und nach helfen die Erfahrungen aus dem Training, diesen Pfad breiter werden zu lassen. Und bald werden sogar Alltagssituationen ganz anders wahr genommen als zuvor: Der Hund reagiert plötzlich viel weniger reaktiv, es gibt erste Glücksgefühle. Jedes dieser Erlebnisse baut den Pfad zu einer immer breiter und breiter werdenden Straße aus. Angst und Frust werden immer weniger, während der Weg zum Erfolg immer einfacher zu gehen wird.

Fokus auf das gute Verhalten

Grundsätzlich ist das Vorgehen in meinem Training, den Fokus auf das gute Verhalten des Hundes zu lenken. Damit sieht der Kunde seinen Hund plötzlich mit anderen Augen. Wo vorher nur ein wildgewordener Rowdy zu sehen war, sieht man plötzlich die Talente des Hundes. Wo nur Schimpfen, Rucken und Wegzerren war, ist nun die freundliche Unterstützung des Hundes, mit all seinen Gefühlen und Reaktionen. Verständnis für den Hund und sein Verhalten öffnet Herzen und Wege.

Das ist der Grund, warum du bei mir in den Videos oft nichts siehst. Also, da ist in Wirklichkeit jede Menge zu sehen. Aber nicht das, was viele erwarten.

Kampf.

Strafe.

Blut.

Tränen.

Das ist kein Training, sondern Tierquälerei.

So etwas erwarten in Wirklichkeit wohl nur wenige…

Viele wollen sehen, wie der Hund zuerst in die Leine springt, bellt, tobt.  Sie wollen sehen, dass die Bezugsperson den Hund kaum halten kann, weil der sich so heftig aufführt. Sie wollen die Verzweiflung sehen.

Mein Fokus liegt von Anfang an auf dem Ziel. Ich frage mich nicht: “Wie kann ich das doofe Verhalten stoppen?“, sondern ich frage mich:“Wie erreichen wir, dass der Hund sich gut fühlt und ruhig und gelassen reagieren kann, wenn er einen anderen Hund sieht?“

Der schlimmste Hund der Welt

Ich kann mir das leisten, vor allem beim Thema Hundebegegnungen. Denn ich sehe im Training genug, an den kleinen Gesten des Hundes. Ich erkenne bald, ob der Hund eigentlich nur aus Frustration so wild reagierte, weil er einfach Kontakt wollte mit dem anderen Hund, oder ob er aus Angst so aggressiv reagiert.

Es gibt Kundinnen, die tatsächlich glauben, ich müsste das Verhalten zuerst sehen, um zu wissen, wie schlimm es ist. Ich könnte überhaupt nicht verstehen, wovon sie sprechen, wenn ich es noch nicht gesehen habe. Auch wenn ich ihnen versichere, dass es mir früher mit meinem ersten Hund nicht anders ging, lassen sie nicht locker. Denn so schlimm wie ihrer wird das sicher nicht gewesen sein.

Witzigerweise sind das nicht etwa die Besitzer besonders großer oder aggressiver Hunde. Sondern die Besitzer, die eigentlich nur hören wollen, dass ihr Hund SO schlimm ist, dass Training keinen Sinn macht.

Nur – diesen Hund gibt es nicht. Es sei denn er ist sehr schwer krank.

Ich gebe es zu, ich wollte auch manchmal hören, dass mein Hund (der Charly, mit dem ich so vieles gelernt habe) ein besonders schwer erziehbarer Hund sei. Denn sonst müsste ich ja ein Depp sein.

Leider hat mir auch nie jemand dieses Prädikat verliehen. (Also das mit dem schlimmsten Hund). Und ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte.

Irgendwie bekam ich damals die Kurve nicht. Ich meinte, mein Hund müsste mir einfach gehorchen. Wenn ich schreie „AUS, SCHLUSS!“ dann müsste er sich unterwerfen. Wenn ich an der Leine rucke, müsste er aufhören zu ziehen oder in die Leine zu springen. Wenn ich ihn umwerfe nach dem angeblichen Prinzip des Alpha-wurfes, müsste er mich als Anführer respektieren und immer tun, was ich sage.

Der schlimmste Mensch der Welt

Das ist alles Quatsch. Leider wird dieser Quatsch immer und immer noch behauptet.

Während ich glaubte, den schlimmsten Hund der Welt zu haben, war ich der schlimmste Mensch der Welt für meinen Hund.

Ich musste lernen, dass Hunde nicht versuchen, uns zu ärgern, sondern das sie genau wie wir Gefühle haben. Ein Hund, der sich bei Hundebegegnungen blöd aufführt, tut das wegen der Angst, dass jetzt die Situation unangenehm wird.

Anstatt gegen meinen Hund zu kämpfen, lernte ich, sein Verhalten zu verändern durch positives Training. Nicht mehr mit dem Kopf durch die Wand („Der MUSS gehorchen!“), sondern mit Hirn und Herz.

Dazu gehörte, eine Menge Wissen aufzusaugen, wie Hunde überhaupt lernen, wie Gefühle entstehen, wie wir am besten mit Hunden kommunizieren. Lernen, wie sich der Hund über seine Körpersprache ausdrückt. Und was er bei mir liest, wenn ich unbewusst auch mit dem Körper spreche. So wird das Gehirn beweglich. Statt mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, und dabei sein Gehirn zu ruinieren, nutze ich es jetzt, um täglich ein wenig besser zu werden im Training.

Darum sieht alles so einfach aus

Jetzt weißt du, warum in vielen Videos alles so banal aussieht. Ich zeige die kleinen Erfolge. Mal sind es die ersten Schritte auf dem neuen Pfad, mal ist es schon eine fortgeschrittene Leistung.

Wenn du die Videos anschaust, denke auch daran, dass der Mensch häufig genau so viel oder sogar mehr Angst hat in der Situation wie der Hund. Wenn der Hund auch so aussieht, als hätte er kein Problem mit der Situation, kann es doch sein, dass der Mensch noch eins hat. Auch dessen Gefühle müssen verändert werden, um den Erfolg möglich zu machen.

Darum möchte ich ganz schöne Erfolgserlebnisse kreieren, und gestalte die Übungen so einfach, dass beide sich einigermaßen wohl fühlen.

Wie, nur einigermaßen?

Ja, ein bisschen Stress muss sein. Wenn es zu einfach ist, wächst man nicht über sich hinaus. Oberhalb der Stressgrenze, aber unterhalb der Grenze für das doofe Verhalten wollen wir trainieren.

Dann kommen wir in Windeseile unserem Ziel entgegen. 

Und was ist nun mit dem Schummeln? Brauchen wir nicht.

By |2018-10-03T21:27:13+00:00Oktober 3rd, 2018|Hundebegegnungen, Hundetraining allgemein|0 Comments

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Bettina Haas, Hundetrainerin aus Leidenschaft, zeigt dir, wie du zum besten Freund und Trainer für deinen Hund wirst. Damit du schnell und nachhaltig zum Erfolg kommst und dein Leben mit Hund (wieder) richtig genießen kannst!

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