Stress beim Hund

Stress ist eine Anpassungsreaktion auf Umweltbedingungen. Die Stressreaktion ist also nichts Unnatürliches und auch nicht pauschal schädlich, nicht beim Hund und auch nicht bei uns Menschen.

Warum ist Stress dann in aller Munde?

Hier geht es um Stress beim Hund. Wir schauen uns an, durch was Stress entstehen kann, wann Stress schädlich wird und wie Du erkennst, dass Dein Hund Stress hat.

 

Wie entsteht Stress beim Hund?

Die Stressreaktion soll das Tier befähigen, schwierige Situationen zu bewältigen. Es handelt sich um ein ausgeklügeltes System von körperlichen Reaktionen, die das Tier nicht willentlich auslösen kann, sondern die selbstständig vom Körper aktiviert werden.

Natürlich ist das Gehirn der Anfang:

Das Tier nimmt Reize in der Umwelt wahr, und bewertet sie. Wenn das Gehirn aufgrund von Genetik, Erfahrung und Individualität des Tieres diese Reize als „gefährlich“ oder zumindest risikoreich und aufregend einstuft, beginnt die Stressreaktion. Es werden Hormone und Botenstoffe ausgeschüttet, die weitere Dinge im Körper bewirken. Damit soll gewährleistet werden, dass das Tier bei Gefahr eine superschnelle, passende Reaktion zeigen kann.

Es handelt sich also um eine Art „Notprogramm“, die das System auf volle Touren laufen lässt, um die eigene Sicherheit zu schützen. Typische Verhalten sind Flüchten oder Angreifen.

 

Welche Stressauslöser gibt es?

Es gibt unzählige Möglichkeiten, was beim Hund Stress auslösen kann. Alles, was die Sinnesorgane wahrnehmen können, kann im Prinzip Stress beim Hund auslösen. Was es für das einzelne Tier ist, das zu solch einer Stressreaktion führt, ist individuell unterschiedlich.

Das ist bei uns Menschen auch so: Was manch einen völlig kalt lässt, bringt den anderen zum Überkochen. Wir bewerten eine gleiche Situation sehr unterschiedlich – gemäß unseren Genen, unseren Erfahrungen und unserer Persönlichkeit. Genauso ist es bei Hunden.

Typische Stressauslöser sind laute Geräusche und schneller Bewegungen auf den Hund zu. Beides sind sogenannte „unkonditionierte Angstauslöser“ – das bedeutet, dass das Tier nicht erst lernen muss, dass das gefährlich sein kann, sondern die Angstreaktion ist angeboren. Durch Lernerfahrungen können diese Reize als nicht gefährlich erkannt  werden, und das Tier reagiert nicht mehr gestresst. (Zum Beispiel Autos auf der Straße).

Bereits in Welpengruppen kann Stress auftreten. Was für viele Hundehalter wie ein lustiges Spiel aussieht, ist für die Welpen oft sehr anstrengend und nicht selten eine große Überforderung. Zu große Gruppen, die vielleicht auch noch schlecht geführt sind, können genau gegenteilige Lernerfahrungen darstellen als die, die man als Welpenbesitzer erreichen möchte: Eine gute Sozialisation.

Macht Dein Welpe die Erfahrung von Mobbing oder Überforderung durch viel zu lange Spielphasen, zu wenig Ruhepausen und durch hauptsächliche Erfahrung von Aufregung beim Anblick anderer Welpen oder Hunde, verknüpft sich im Gehirn diese Erfahrung. Dann beginnt die Stressreaktion schon beim Anblick eines anderen Hundes.

Der Umgang mit dem Hund und das alltägliche Leben kann ebenfalls ein Stressor sein. Wer häufig bestraft, egal ob „nur“ durch Schimpfen und Anschreien oder auch harte Strafen, die Schmerzen verursachen, wird seinen Hund vor allem stressen. Wenn der Hund oft im Unklaren ist, wie die Reaktion des Menschen auf ein bestimmtes Verhalten aussehen wird, oder was als nächstes passiert, kann ebenfalls Stress aufkommen.

Je mehr Klarheit Dein Hund hat über das, was Du als nächstes tust, um so besser ist es. Darum arbeite ich so gerne mit Ankündigungen, ganz besonders bei Handlungen direkt am Hund (An-und ableinen, Körperpflege, Streicheln…).

Körpersprachlich können wir ebenfalls so agieren, dass wir den Hund nicht (versehentlich oder willentlich) bedrohen, um unnötigen Stress zu vermeiden. Meine Klienten sind oft überrascht, wenn sie lernen, die körpersprachliche Antwort des Hundes richtig zu lesen und dadurch aufmerksam werden auf ihre eigene Körpersprache.

Alleine bleiben ist für Hunde sehr unnatürlich und viele Hunde erleben Stress, wenn sie alleine bleiben müssen. Dieser Trennungsstress kann durch gezieltes, strukturiertes Training positiv verändert werden. Schön ist es aber für keinen Hund, stundenlang alleine sein zu müssen.

Krankheit gehört ebenfalls dazu. Es macht Sinn, den Hund einmal gründlich durchzuchecken beim Tierarzt, wenn Du den Eindruck hast, dass er Stress hat. Manche Krankheiten sind unmittelbar stressend, weil sie in den Hormonhaushalt eingreifen, wie zum Beispiel eine Schilddrüsenunterfunktion. Andere sind stressend, weil sie Schmerzen und Unwohlsein hervorrufen.

 

Wann wird Stress schädlich?

Wir haben schon gesehen, dass die Stressreaktion einfach eine Anpassung an eine schwierige Umweltsituation ist. Warum ist das dann so schädlich, oder wann genau wird es schädlich?

Wir alle erleben auch Stress im positiven Sinne. Wenn nämlich alles gut läuft, tut uns ein bisschen Stress gut. Eine Herausforderung zu meistern ist ein wundervolles Gefühl – aber dafür müssen wir – genau wie unsere Hunde – aus der Komfortzone herauskommen und Neuland betreten…

Wir wissen auch, wann es umkippt. Nämlich dann, wenn die Situation für uns „ausweglos“ erscheint, oder wir keine Gelegenheit haben, uns nach der Stressreaktion wieder zu erholen.

So ist es auch für Hunde.

Positiver Stress entsteht, wenn Du mit Deinem Hund ein neues Training machst, vielleicht einen neuen Trick lernst, oder irgendeine Herausforderung in kleinen Schritten angehst. Solange ihr beide eine Bewältigungsstrategie für die Situation habt, fühlt sich der Stress „nicht so schlimm“ an. Aber auch Training kann zum negativen Stressor werden und ist es auch sehr oft.

Training wird zum negativen Stressor, wenn:

  • Dein Hund unklare Signale bekommt und nicht versteht, was Du von ihm willst
  • Du Deinen Hund dafür bestrafst, dass Du zu große Schritte im Training machst oder unklar trainierst
  • Wenn er Schmerzen hat, und die verlangten Bewegungen nicht ausführen kann
  • Dein Hund Angst haben muss, dass Du aus heiterem Himmel unberechenbar wirst
  • Du zu lange trainierst und Dein Hund sich dadurch überfordert fühlt

Hier kannst du weiter darüber lesen:

Warum Du möglichst stressfrei trainieren solltest, und wie das geht 

Was ist Belohnungsstress?

Kontrollverlust, keine Möglichkeit für eine adäquate Reaktion wie Flüchten oder Angreifen (Leine), zu starken Reizen ausgesetzt sein, und keine Strategien zur Bewältigung zu haben (wie beim Flooding im Extremfall) – das sind die Stressoren, die schädlich werden können.

Besonders ungesund ist Stress, der dauerhaft und immer wiederkehrend erlebt wird. Kommt noch fehlende Erholung dazu, stellen sich schnell Krankheiten und weitere Probleme ein.

 

Wie erkenne ich Stress beim Hund?

Die Eskalationsleiter

Es gibt viele typische Stresszeichen. Einige davon möchte ich hier aufgreifen und erklären.

Klar ist, dass wir den Stress an sich nicht sehen können. Wir sehen nur die Körpersprache des Hundes, also das, was der Hund ausdrückt.

Wichtig ist zu wissen, dass es im Hundeverhalten sehr kleine, feine Zeichen gibt, und mit zunehmendem Stress und Erregungssteigerung die körpersprachlichen Anzeichen deutlicher werden. Wir nennen das Bild, das wir uns davon machen, die Eskalationsleiter.

Wenn Du also lernst, die allerersten, feinen Zeichen bereits wahrzunehmen, kannst Du größeren Stress oft vermeiden oder verringern.

Als erstes je ein Beispiel von jeder Seite der Eskalationsleiter. Ganz oben die höchste Eskalationsstufe ist das Beissen. Das ist das Verhalten, das gezeigt werden kann, wenn sich der Hund nicht mehr anders zu helfen weiß.

Ganz unten auf der untersten Stufe der Eskalationsleiter könnte das Nasenspiegellecken stehen. Ich schreibe hier „könnte“, weil es mehrere kleine Stresszeichen gibt, und niemand genau sagen kann, welches bei Deinem Hund wo genau steht. Das kann auch situationsbedingt variieren, mal wird Nasenspiegellecken gezeigt und mal ein Gähnen oder Kopf wegdrehen. Auch die Vorderkörper-Tiefstellung kann in bestimmten Situationen als Stresssignal interpretiert werden, obwohl sie normalerweise als Spielaufforderung verstanden wird. Aber schließlich ist Spiel eine gute Lösung für angespannte Situationen – wenn der Hund also so ein Verhalten zeigt, versucht er aktiv, sein Gegenüber freundlich zu stimmen und in ein Spiel zu leiten, auch wenn die Situation deutlich angespannt ist und der Hund gerade Stress hat.

Bereits diese feinen Zeichen, die so viele Hundehalter übersehen, sind Distanzvergrößernde körpersprachliche Zeichen des Hundes bei leichtem Stress.

Auch Übersprungverhalten gehört dazu. Darunter verstehen wir Verhalten, das eigentlich nicht in die Situation passt. Zum Beispiel ein ausgiebiges sich Kratzen, obwohl der Hund keine Flöhe hat. Oder ein plötzliches, scheinbar konzentriertes Schnüffeln am Wegrand, während ein Stressauslöser näher kommt.

Natürlich kann ein Hund auch seine Angst deutlich zeigen. Ein Angstdisplay ist eine Körpersprache in Richtung hinten-unten. Die Maulspalte ist weit nach hinten gezogen, die Ohren nach hinten angelegt, die Rute hängt schlaff herunter oder wird sogar unter den Bauch geklemmt. Der Hund kann zittern, stark hecheln, mit angespannter Zunge, die eine löffelartige Form annimmt. Hunde schwitzen bei starkem Stress an den Pfotenballen. Bei Angst siehst Du das Weiße im Auge deutlicher, weil der Hund die Augen aufreißt. Auch die Pupillen sind oft vergrößert. Das Verkleinern der Körpergröße durch Ducken besonders im hinteren Bereich des Körpers ist ebenfalls typisch.

Aggressionsverhalten geht ohne Stress auch nicht – auch wenn Du denkst, Dein Hund sei einfach ein Arschloch – in Wirklichkeit hat er Angst und seine Strategie ist der Angriff, um seine Sicherheit zu wahren. Das geht mit starkem Stress einher. Eines bedingt das andere. Aggressionsverhalten ist das obere Ende der Eskalationsleiter. Der Hund hat vermutlich vorher schon viele andere Zeichen ausgesandt, die nicht beachtet wurden und damit ihre Funktion nicht ausüben konnten. Darum greift der Hund zu seinen letzten Mitteln und zeigt aggressives Verhalten.

Ich möchte noch einmal betonen, dass (chronischer) Stress zu den Auslösern von unerwünschtem Verhalten gehört, ganz besonders Aggressionsverhalten. Auch alles vom Boden fressen kann aus Stress entstehen. Es macht absolut Sinn, bei allen unerwünschten Verhalten einen gründlichen Blick auf mögliche Stressoren zu werfen.

 

Genau beobachten statt schnelles Etikett vergeben

Niesen wird häufig bei leichtem Stress gezeigt. Beobachte Dich nur mal selbst…klar, manchmal hat man auch nur Pollen in der Nase. Genau so ist es beim Hund: Wir müssen immer das gesamte Bild und die Situation betrachten, und uns nicht an einem Signal festhalten und sofort einen Stempel aufdrücken – DER HAT STRESS!

Statt dessen solltest Du beobachten, und erst dann erkennen, ob es sich wirklich um Stress handelt.

  • Hunde können sich kratzen weil es juckt, oder wegen Stress.
  • Hunde lecken sich das Mäulchen wegen der schmackhaften Gutties – und etwas anders bei Stress.
  • Hunde blinzeln mit den Augen, wenn die Sonne blendet, aber auch wenn sie Stress haben.
  • Hunde schütteln sich auch einfach so, nach dem Wälzen oder Baden, wenn sie sich wohlfühlen – und manchmal schütteln sie den Stress ab.

Das hilft Dir vielleicht, um klar zu erkennen, was Du wirklich siehst. Denn Panik zu bekommen, weil Du ein solches Zeichen siehst, macht keinen Sinn!

Übrigens ist Dir bei all den Beschreibungen sicher schon klar geworden, dass manchmal ein Zeichen gezeigt wird, manchmal mehrere – aber niemals alle auf einmal.

Stress kannst Du mit Entspannung positiv beeinflussen. Hier kannst Du etwas lesen über Entspannungstraining: Immer gechillt – über Entspannung für Hunde

Wie schon oben erwähnt ist Stress nicht sofort tödlich! 

Es geht darum, Stressoren im Alltag zu erkennen und so gut wie möglich zu beheben. Und es geht darum, mit dem Hund genug schöne Herausforderungen zu erleben und auch gerne mal die Komfortzone zu verlassen. Denn ohne das ist das Leben fade und es findet keine Weiterentwicklung statt.

Wenn Du Dich mit Deinem Hund als Team verstehst, ihn fair und freundlich behandelst, und Dich im Training gegebenenfalls unterstützen lässt, um Fehler zu vermeiden, kannst Du Stress gut im Griff haben – sowohl für Deinen Hund als auch für Dich. Ein wenig Feingefühl ist dabei sehr hilfreich. Öffne Dich einfach, und Du wirst es in Dir finden.