Hat dein Hund zu viel Freiheit?

Kann zu viel Freiheit zu Ungehorsam führen? Ist es so, dass Hunde vor allem klare Grenzen brauchen, um uns zu akzeptieren und zu gehorchen?

Um diese Fragen zu beantworten, sollten wir zunächst das Wort „Freiheit“ definieren.

Definition Freiheit

Eigentlich ist das ein Thema, das uns Menschen auch sehr stark betrifft. Wie viel Freiheit steht uns selbst zu? Meine Freiheit endet dort, wo ich andere Menschen belästige oder gefährde. Ansonsten bin ich frei, zu tun was ich möchte. Innerhalb der Gesetze unseres Landes.

So ähnlich sehe ich das auch bei Hunden. Die Freiheit eines Hundes endet auch dort, wo er andere Menschen oder Tiere gefährdet oder belästigt. Damit könnte ich eigentlich den Beitrag beenden. Alles ist gesagt.

Ungehorsam wegen zu viel Freiheit?

Wäre da nicht dieses diffuse Gefühl, dass der Hund zu wenig oder zu viel Freiheit bekommt.

Manche Hundehalter_innen sind äußerst rücksichtsvoll und möchten alles richtig machen. Andere sind eher lässig unterwegs und zucken auch mal mit den Schultern, wenn irgendwas passiert ist oder lachen oder lächeln es weg. Es gibt in der wirklichen Welt nicht nur Schwarz und Weiß, sondern eine riesige Bandbreite von vielen Graustufen.

Darum ist alles, was ich zu dem Thema schreibe, unter dem Aspekt zu sehen: Wo stehst du gerade? Denn genau das ist die Brille, durch die du schaust. Ich schaue auch durch meine Brille, wenn ich zu dem Thema schreibe. Das ist immer so. Egal um welches Thema es geht.

Was versteht mein Hund unter „Freiheit“?

Und der Hund? Der hat auch seine Sichtweise. Logisch. Was möchte der Hund am liebsten? Hund sein.
Ein Hund möchte genau die Dinge tun, die seiner Rasseeigenschaften, seinem Typ und seinen ganz persönlichen Vorlieben entsprechen. Gesunde Hunde sind interessiert an der Umwelt, möchten die Dinge untersuchen, Menschen und Tiere kennenlernen oder vertreiben, jagen gehen, sich wälzen, buddeln und ganz viele Spuren abschnüffeln.

Selbstverständlich möchten sie auch sexuelle Bedürfnisse erfüllen, sofern sie intakt sind. Wenn es heiß ist, wünschen sie sich einen kühlen Platz oder wollen schwimmen gehen, wenn es kalt ist suchen sie Schutz im Warmen. Sie möchten gerne draußen sein, auf Gras liegen, etwas beobachten. Schlafen, Ruhen, kauen, spielen. Fressen. Sich lösen. Kuscheln oder jedenfalls Nähe. Sozialkontakte pflegen und lernen. Rennen und (manche) mit anderen Hunden toben. Gehen und Stehenbleiben, wie sie möchten. Hier schnüffeln, auch mal ganz ausführlich. Dann schnell weiterlaufen, und überhaupt im eigenen Tempo laufen dürfen. Wieder abstoppen. Rechts – links – rechts – links. Vorne, oder ach da hinten riecht es interessant – schnell zurück.

Freiheit wie der Hund sie sich wünscht.

Wie sieht die Wirklichkeit aus für viele Hunde?

Anstatt die eigenen Bedürfnisse in Wald und Feld zu befriedigen soll er brav bei Fuß durch die Stadt gehen. Er soll alles ignorieren und nur seine Bezugsperson im Auge behalten.

… … … … ..

???

Naja, ich weiß natürlich, dass ich jetzt gerade ganz stark Schwarz-Weiß-Malerei betreibe. Ich tue das, um zu verdeutlichen, worum es mir geht. Mir ist klar, dass du sehr gut auf die Bedürfnisse deines Hundes achtest, sonst würdest du dies hier nicht lesen. Danke dass du es tust. ❤️

Um es deutlich zu sagen: Mir persönlich liegt es tatsächlich sehr am Herzen, dass die Bedürfnisse unserer Hunde so gut es geht erfüllt werden. Ich lasse Grace deshalb nicht einfach im Wald überall von der Leine, weil sie ja ein Jagdhund ist, und ihr Jagdbedürfnis befriedigen muss. Um Himmels willen, nein!

Jungtiere sind sehr gefährdet

Für mich greift da der Grundsatz, dass meine oder ihre Freiheit dort endet, wo wir andere Lebewesen belästigen oder gefährden. Gerade in der Jungtierzeit (Brut – und Setzzeit) ist sie zu fast 90 % an der Leine, weil ich nicht weiß, ob sie nicht doch mal ins hohe Gras springt und genau dort ein junger Hase sitzt. Charly ist einmal an der Leine 50 cm neben dem Weg und ca. 400 m von einem Gasthof entfernt über ein Rehkitz gestolpert. Zum Glück konnte es unversehrt davonlaufen, weil er an der Leine war. Dennoch war das eine große Gefahr, und hat dem Kitz nicht gerade gut getan.

Ein anderes Mal hat er einen jungen Hasen gefunden, der in der Grasspur eines Feldweges saß, also mitten auf dem Weg. Kein schönes Erlebnis.

Man kann so etwas nicht wirklich ändern. Das fällt unter Pech, aber ich bin froh, in diesen Fällen eine Leine in der Hand zu haben.

Auf der anderen Seite macht es natürlich keinen Sinn, übervorsichtig zu sein. Was genau kannst du tun, um deinem Hund so viel Freiheit zu geben, wie möglich?

Tipps für Freiheit

Ein guter Rückruf ist das allerwichtigste Signal. Trainiere ihn regelmäßig, und nutze dafür wirklich hochwertige Belohnungen. In meinem Rückrufkurs kannst du alles über die passenden Verstärker beim Rückruf lernen.

„Leine ab“ kann für deinen Hund ein Signal sein, dass es jetzt bei dir tolle Spiele und Überraschungen gibt. Das führt dazu, dass er nicht sofort das Weite sucht, wenn der Karabiner Klick macht, sondern gerne in deiner Nähe bleibt.

Eine Schleppleine kannst du schnell aufnehmen, wenn doch plötzlich irgendwas auftaucht, was leicht zu unerwünschtem Verhalten führt. Egal ob Reh, Hase und Co oder andere Menschen mit oder ohne Hund, eine Straße, Kinder, eine Pferdeweide…Zusammen mit einem gut geübten Rückruf ist die Schleppleine eine sehr gute Versicherung. Außerdem musst du nicht hektisch zu deinem Hund rennen und ins Geschirr oder Halsband greifen, was der Hund oft als sehr bedrohlich empfindet, sondern nimmst ganz gelassen das Ende der Leine vom Boden auf. Das einzige was du üben musst ist, dass dein Hund in etwa im Leinenradius um dich herum bleibt, oder eben gut auf den Rückruf hört.

Der Handtouch zählt aus verschiedenen Gründen zu meinen Lieblingswerkzeugen. Es bedeutet, dass der Hund auf Signal mit seiner Nase deine Hand berührt. Dieses Signal wird häufig viel leichter von den Hunden befolgt als das klassische Rückrufwort wie „hierher“. Denn der Handtouch wird wie ein Trick geübt, und nur positiv aufgebaut. Das klare Ziel, nämlich mit der Nase meine Hand berühren, hilft dem Hund zusätzlich, auf das Signal gut zu reagieren. Ein Rückrufsignal wie ich es aufbaue wirkt allerdings auch super.

 

Grenzen setzen

„Ja, aber wir müssen doch auch Grenzen setzen! Der Hund darf doch nicht alles einfach immer tun! Sonst tanzt der mir auf dem Kopf herum!“

Grenzen setzen ist für jeden Hundehalter ein Thema. Wir haben ja gesehen, dass die Grenze zu unseren Freiheiten die Freiheit des anderen ist. Wir müssen unserem Hund die menschlichen Regeln des Zusammenlebens erklären. Hunde können sie nicht von selbst kennen. Hunde verhalten sich wie Hunde. Sie begrüßen sich zum Beispiel ganz anders als wir. Das muss man als Hundehalter genau wissen, um nicht ungerecht zu reagieren. Wer glaubt, sein Hund „weiß doch, dass der mich nicht anspringen soll!“ irrt. Wenn er es wüsste, würde er es nicht tun.

Es ist unsere Aufgabe, mit freundlichem und gutem Training unseren Hund zu trainieren, so dass er die Regeln kennt und befolgt. Wir müssen verstehen, wann unser Hund zu aufgeregt ist, um sich an die Regeln zu erinnern. Es gibt einfach manchmal Situationen, die für bestimmte Hunde äußerst herausfordernd sind. Dann gilt es, nicht den Hund dafür zu bestrafen, dass du ihn in die Situation gebracht hast, sondern ihm dabei zu helfen, trotz der Schwierigkeit zurückzufinden zu einem erwünschten Verhalten. Je freundlicher und entspannter das abläuft, um so eher lernt dein Hund das erwünschte Verhalten auch nachhaltig und kann es bald selbstständig in der vorher schwierigen Situation zeigen.

Grenzen setzen heißt also auf keinen Fall, dass wir hart bestrafen müssen.

Grenzen kann ich schon dadurch setzen, dass ich meinen Hund einfach anspreche, und ihn zu mir kommen lasse, oder ihm ein Leckerchen dort hin zu werfen, wo ich ihn hin haben möchte. Ich kann den Handtouch abfragen und belohnen, ein gut und freundlich aufgebautes Sitz abfragen und belohnen, oder meinen Hund ganz freundlich an die Leine nehmen, und für gutes Gehen bei mir belohnen. Grenzen setzen mit Belohnungen ist äußerst effektiv. Warum? Weil wir dem Hund ohne Umwege zeigen, was wir in der Situation von ihm möchten. Gutes Verhalten wird belohnt. Und wenn ich von Anfang an gutes Verhalten abrufe und belohne, muss der Hund gar nicht ausprobieren, was er eigentlich tun soll. Er weiß es schon, bevor überhaupt das unerwünschte Verhalten auftritt oder sich festigt.

Die Angst des Hundehalters

Woher kommt dann diese Angst vieler Hundehalter, dass ihnen ihr Hund auf der Nase herumtanzt? Vermutlich von vielen, vielen Märchen, die immer und immer wieder erzählt werden. Das Märchen vom dominanten Hund, der nur auf eines aus ist: Er möchte das Alpha-Tier sein. Der Hund will der Herr im Haus werden. Der Hund will bestimmen, was die Regeln sind.

Das ist wirklich ein Märchen, nur kein besonders schönes. Denn meistens führt dieses Märchen zu Reaktionen der Bezugspersonen, die ich als Gewalt bezeichne. Stichworte: Rangreduktion. Alphawurf. In die Flanke kneifen. Schnauzengriff. Leinenruck. Dauerhaftes Ignorieren. Nur aus der Hand füttern. Ständiges Fußgehen verlangen.

Gewalt führt zu Gegengewalt oder zu erlernter Hilflosigkeit. Nur selten führt Gewalt zu wirklichen Erfolgen. Gewalt hat außerdem sehr negative Nebenwirkungen.  Und wenn wir mal ehrlich sind: Sofern du ein psychisch gesunder Mensch bist, macht dir das auch keinen Spaß. Eigentlich möchtest du ja deinen Hund lieb haben und mit ihm schöne Dinge erleben. Du willst doch keinen Krieg gegen deinen Hund führen.

Woher weiß ich so sicher, dass die Idee des dominanten Hundes in der Mensch-Hund-Beziehung ein Märchen ist? Weil ich das Lernverhalten verstanden habe. Hunde tun das, was sich für sie lohnt. Noch mal: Hunde tun das, was sich für sie lohnt. Das ist alles.

Zu viel Freiheit führt definitiv nicht zwangsläufig zu Ungehorsam. „Ungehorsam“ entsteht, wenn nicht mehr trainiert und belohnt wird.

Dein Hund muss dafür also nicht ständig seine Grenzen gezeigt bekommen, sondern viel besser ist, ihm seine Freiheit zu zeigen. Sage deinem Hund genau, was er alles darf, und habe mit ihm gemeinsam Freude daran.

Wie viel Freiheit also?

Wie viel Freiheit du deinem Hund geben kannst, hängt von deinem Trainingsstand ab. Davon, wie lange dein Hund schon bei dir lebt. Wie gut du trainieren kannst. Wie gut die Beziehung zu deinem Hund ist, wie viel Vertrauen er hat zu dir. Welche Vorgeschichte dein Hund vielleicht hatte. Welche Vorgeschichte du hattest. Wie gesund er ist. Was für ein Typ er ist. Wie er heute drauf ist. Wie du heute drauf bist.

Vielleicht spielt sogar das Wetter eine Rolle. Bei starkem Wind springt ein Hund schon mal impulsiv in die Leine, um fliegende Blätter zu jagen. Freilauf an der Straße geht dann nicht. Oder die Geräusche des Windes steigern die Erregung, was zu mehr unerwünschtem Verhalten führt, und eine Leine bietet da Sicherheit.

Die Freiheit hängt auch von der Situation ab. Du kannst deinem Hund vielleicht auf dem Feld mehr Freiheit geben als im Wald, weil du weißt, dass er auf dem Feld auf dem Weg bleibt, im Wald eher nicht. Oder umgekehrt.

Vielleicht kannst du deinem Hund auf der Hundewiese Freiheit geben, weil du erkennst, dass er sich anderen Hunden gegenüber souverän und freundlich verhält und auch Spaß hat bei Begegnungen. Oder gerade nicht, weil dein Hund gut und gerne auf Begegnungen mit anderen Hunden verzichten kann. Dafür geht er vielleicht nicht jagen.

Freiheit kann auch an der Leine stattfinden

Nimm dir eine Leine mit 7 m Länge, und dein Hund erhält bereits viel mehr Freiheit als an der gängigen 2 m Leine. Ich empfehle statt der 2 m Leine generell eine 3 m Leine.
Lasse ihn schnüffeln, wenn die Leine locker ist. Bleibe stehen, wenn er etwas untersuchen möchte. Achte auf deinen Hund, was er dir „sagt“, wenn euch etwas begegnet. Braucht er mehr Abstand, oder möchte er gerne Kontakt? Hat er Angst oder will er vertreiben, oder ist er neugierig?

Rücksichtsloses Gehen an der Leine ist weder für den Hund noch für dich schön. Heißt: Trainiere an der Leinenführigkeit, indem du Belohnungen einsetzt. So lernt dein Hund, den Leinenradius zu respektieren, und zerrt dich nicht durch die Gegend. Aber tue du das Gleiche, und zerre deinen Hund nicht! Die Leine ist kein Zwangsmittel, sondern zur Sicherheit gedacht. Sie sollte immer locker durchhängen. Wenn du weiter gehen möchtest, gib dafür ein Signal, und belohne das erwünschte Verhalten.

Erwarte nicht, dass dein Hund an der Leine im Wald nur links neben dir laufen darf. Lasse ihn dort gehen, wo seine Nase ihn hinführt. Freiheit an der Leine ist eines der wichtigsten Dinge, die ich meinen Kunden zeigen kann. Spiele mit deinem Hund auch an der Leine, wenn er noch nicht viel frei laufen kann. Suchspiele machen jedem Hund Spaß und sorgen für Auslastung. Verstecke Leckerchen in hohem Gras, oder in einer Baumrinde, unter Blättern, auf einer Bank…Sei fantasievoll. Das ist bald deine Freiheit. Je mehr du selbst für schöne Erlebnisse mit deinem Hund sorgst, um so besser wird die Bindung und das Vertrauensverhältnis. So erlebt ihr gemeinsame Freiheit, anstatt über Grenzen zu diskutieren.