Was ist los mit meinem Junghund?

Was ist los mit meinem Junghund?

Völlig durchgeknallt?

Viele Hundehalter hoffen, dass nach der Welpenzeit alles langsam rund läuft, und der Hund bald gut gehorcht. Sie haben sich viel Mühe gegeben, Sitz, Platz und Komm zu trainieren, damit das Nötigste gut funktioniert. Und der Welpe hat seine Sache auch richtig gut gemacht. Aber kaum ist die Welpenzeit vorbei, beginnen die jungen Hunde, seltsam zu reagieren. Bekannte Signale werden nicht befolgt, und Fiffi sieht aus, als hätte er es noch nie gehört. Der junge Hund wird aufgeregter als je zuvor und plötzlich gibt es auch noch andere unerwünschte Verhaltensweisen. Ist das die Pubertät? Oder will der nur testen, wer der Chef ist? Oder taugt das positive Training nicht für erwachsen werdende Hunde?

Viele glauben, dass sie jetzt durchgreifen müssten. Jetzt geht es eben nicht mehr mit der positiven Verstärkung und den Leckerchen, der muss wissen, wo die Grenzen sind, und dass er gehorchen muss.

Sogar in vielen Hundeschulen beginnt für die Hunde nach der Welpenphase der wirklicher Ernst des Lebens…nicht zu ihrem Vorteil. Denn plötzlich wird Verhalten bestraft, und der Druck nimmt zu. Ist das die richtige Reaktion auf diese Altersstufe? Was passiert eigentlich im Hund, dass er sich so verändert?

Was passiert im Hund?

In der Junghundephase gibt es im Gehirn des Hundes einige „Baustellen“: Unwichtiges wird abgebaut, anderes neu verknüpft, gesichert, gefestigt. Das bedeutet, dass das Abrufen von Bekanntem manchmal einfach nicht möglich ist. Es kann gerade mitten in einer Umbauphase stecken und ist nicht verfügbar.

Außerdem ist die Stressachse ziemlich aktiv. Damit meine ich, dass eine Stressreaktion häufiger abläuft als bei einem voll ausgewachsenen Hund. Das sorgt für ein hohes Erregungsniveau, und das wiederum für unerwünschtes Verhalten.

Dickkopf und Chefallüren?

Diese zwei Probleme sorgen dafür, dass Hundehalter in der Junghundezeit manchmal schier verzweifeln. Sie glauben, dass gut gelernte Dinge jetzt mit Absicht nicht gemacht werden von ihrem Hund, und dass sich der Hund zu viel herausnimmt. „Der hat einen Dickkopf“ oder „Der testet jetzt, wer der Chef ist“ höre ich dann oft.

Das ist nicht der Fall.

Es sind Vorgänge im Inneren des Hundes, die wir nicht sehen können, die aber Wirkungen auf das Verhalten haben. Hormone werden ausgeschüttet, und manchmal schießen sie vielleicht über das Ziel hinaus. Alles muss sich erst einspielen, der Körper muss sich neu einstellen auf das Erwachsenwerden.

Stress

Besonders die höhere Aktivität der Stressachse macht uns zu schaffen. Denn sie sorgt dafür, dass eine Stressreaktion in Situationen abläuft, die wir schon abgehakt haben. „Da ist doch nichts!“ oder „Das ist doch nichts Schlimmes, da brauchst du doch keine Angst haben!“  oder „Das kennst du doch!“ sagt man dann. Der Hund findet Dinge wieder problematisch, die wir völlig normal finden.

Zum Beispiel:

  • Ein Mensch kommt entgegen oder überholt
  • Laute Geräusche
  • Plötzliche Bewegungen
  • Hunde
  • Seltsame Bewegungen
  • usw.

Das sind teilweise Dinge, die auch ohne Vorerfahrung eine Angstreaktion auslösen können. Besonders plötzliche und schnelle Bewegungen gehören dazu.

Aber auch die Begegnung mit anderen Menschen und Tieren kann Stress verursachen, auch wenn das früher schon mal weniger stark war.

Unbemerktes Verhalten

Möglich ist aber auch, dass man gar nicht bewusst bemerkt hat, dass das am Anfang auch schon so war, weil der Hund noch kleiner, leichter und die Reaktion schwächer war. In der Junghundezeit wächst der Hund zu seiner vollen Größe heran und bekommt mehr Kraft. Plötzlich wird das Ziehen an der Leine zu einem Problem und erst jetzt bemerkt man es richtig.

Mit seinem jungen Hund ist man nachsichtig, aber plötzlich möchte man, dass dies oder jenes einfach klappt. Mit anderen Worten: Man will etwas sehen, was man nicht wirklich geübt hat mit seinem Hund.

Welpen trauen sich oft die Dinge noch nicht, die sich ein Junghund traut. Der Mut wächst und bestimmte Gefühle werden manchmal eben auch durch die Hormone erst richtig ausgeprägt. Die feinen Zeichen, die ein Welpe aussendet, wenn er sich unwohl fühlt, werden natürlicherweise oft übersehen, weil ja der Hundehalter häufig zum ersten Mal Hundeverhalten lesen lernt. Das Feingedruckte lesen zu können braucht ein bisschen Erfahrung und ein gutes Beobachtungsvermögen.

Hormone und andere Gründe

Wegen der Hormone hört auch oft das freundliche Verhalten anderen Hunden gegenüber auf, wenn der Junghund heranwächst. Hunde, die früher mit jedem spielen wollten, meckern andere Hunde plötzlich an. Gründe dafür gibt es viele.

Es kann Frustration dahinter stecken, weil es zunehmend im Alltag nicht immer möglich ist, zu spielen, denn manchmal ist man an Straßen oder es besteht Leinenpflicht, oder andere Hunde möchten einfach keinen Kontakt. Das kann sehr frustrierend sein für Hunde, die immer noch den Kontakt wünschen.

Oder die Hormone sorgen dafür, andere Hunde zum Teil als Konkurrenten zu betrachten, und der Hund möchte einfach, dass die anderen verschwinden.

Natürlich können auch schlechte Erfahrungen zu frustriertem, aggressivem oder ängstlichem Verhalten führen.

Training

Besonders in der Junghundezeit ist ein freundlicher Umgang mit dem Hund unglaublich wichtig. Stelle dir immer wieder vor, dass viele neue Dinge in deinem Hund passieren. Dein Hund befindet sich im kompletten Umbau begriffen, und wenn er nicht so reagiert wie geplant oder gewünscht ist das „normal“. Vor allem kann er im Grunde nichts dafür.

Das bedeutet natürlich nicht, dass man die Hände in den Schoß legen kann und einfach abwartet. Ganz im Gegenteil. Ein Junghund sollte so gut wie möglich unterstützt werden, damit sein Verhalten sich bessert. Training ist gerade jetzt besonders wichtig. Aber gutes, an das Alter angepasstes Training.

Wie soll das aussehen?

Jagd auf gutes Verhalten

Manchmal hast du vielleicht das Gefühl, du dringst gar nicht mehr durch zu deinem Hund. Das sind die Momente, wo du am besten auf jegliche Signale verzichtest, und wartest, was dein Hund als nächstes tut. Warte auf gutes Verhalten, und sei es noch so winzig.  Fange das Verhalten mit dem Markersignal ein und belohne es anschließend.

Mehr zum Markersignal erfährst du hier: Warum dir ein Markersignal Vorteile bringt

Markierungswürdig sind zum Beispiel:

  • ein ganz kurzer Blick zu dir oder auch nur in deine Richtung
  • ein kurzes Kopf abwenden, obwohl vorne eine Ablenkung ist
  • ein zurücknehmen des Körperschwerpunktes
  • ein Schritt in die richtige Richtung
  • ein Verhalten, das du akzeptieren kannst, wie schnüffeln
  • und vieles mehr

Belohnungen

Nach dem Markersignal folgt ja immer eine Belohnung. Überlege dir gut, wie du deinen Hund belohnen kannst. Wird er Futter gut finden, oder benötigt er in dieser Situation etwas anderes? Gibt es ein „Hobby“ deines Hundes, das du nutzen kannst als Verstärker?

Je besser du seine Motivation triffst, um so eher kannst du dich wieder in sein Verhalten einmischen. Denn wenn die Belohnung vom Hundegehirn als nicht relevant eingestuft wird, verstärkt sie das Verhalten ja nicht, und umgekehrt: Wenn es dir gelingt, eine richtig stark relevante Belohnung zu finden, ist das Erlebnis einprägsam und das gewünschte Verhalten wird hochwertig verstärkt. Gegen Verstärkung ist kein Kraut gewachsen, und sogar das Gehirn eines Junghundes wird diese besondere, aufregende, spannende Belohnung als wichtig abspeichern. In Zukunft wird er das verstärkte Verhalten wieder zeigen, weil es ja äußerst lohnenswert war.

Sind die Belohnungen dagegen nur so lala-Belohnungen, werden sie vom Gehirn als nicht so wichtig erachtet, und Verhalten wird nicht verstärkt. Diese Verknüpfungen werden dann vielleicht bald entsorgt, weil während der Umbauarbeiten im Gehirn Unwichtiges abgebaut wird.

Auch die Art der Darbietung hat große Einflüsse auf die Bewertung. Ein Bröckchen Trockenfutter direkt in die Schnauze gegeben ist mit großer Wahrscheinlichkeit weniger hochwertig als eines, das der Hund suchen, fangen oder hetzen darf.

Geduld

Geduld ist eine Tugend, und du kannst sie ganz sicher erlernen, wenn du einen Hund und besonders einen Junghund hast. Nutze diese Chance. Ärgere dich nicht über das unmögliche Verhalten deines Hundes, sondern denke daran, dass das eine tolle Übung für dich ist, um Geduld zu lernen.

Ich weiß, das ist leicht gesagt und schwer getan. Wenn das jemand weiß, dann ich. Denn ich bin vermutlich die Ungeduld in Person. Ich fühle mich schnell persönlich angegriffen vom Verhalten meines Hundes. „Meine Güte, jetzt mach endlich!!!“ denke ich dann. Oder „Wieso ist das jetzt sooo schwer???“ Kennst du vielleicht.

Bestimmt statt streng

Ich behaupte nicht, dass ich immer perfekt damit umgehen kann. Mir reißt auch schon mal der Geduldsfaden, und auch meine Impulskontrolle ist endlich.

Allerdings versuche ich, immer daran zu denken, dass mein Hund jetzt nicht anders kann, dass sie ein Problem mit der Situation hat. Ich versuche zu atmen und fair und freundlich zu bleiben.

Wenn etwas einfach JETZT passieren muss, sage ich es schon mal bestimmt, und nicht bittend oder fragend. In vollkommen entspannter Umgebung und mit genug Zeitpolster im Rücken stelle ich am liebsten Verhaltensfragen: „Kannst du einsteigen?“ wenn Grace ins Auto hüpfen soll. Ich gebe ihr Körperkontakt, damit sie sich entspannen kann, um dann am Ende einsteigen zu können. Wenn es aber eilig ist, dann sage ich schon mal: „So, JETZT einsteigen!“ und normalerweise macht sie es dann auch. Natürlich wird das gefeiert, gut belohnt und nicht hinterher noch genörgelt. Denn jetzt hat sie getan, was ich wollte, hat sich gegen ihren Willen dazu überwunden, da darf ich nicht nörgeln.

Keine Einladung, Druck auszuüben!

Ich habe insgesamt festgestellt, dass Druck und Erwartung viele Hunde eher hemmt, überhaupt etwas zu tun, als dass es ihnen hilft, die richtige Entscheidung zu treffen.

Darum ist es mir wichtig zu betonen, dass das Gesagte (bzw. „Geschriebene“, für die Perfektionisten) keine Einladung oder kein Freifahrtschein für Druck im Training ist.

Wir sollten besonders in der Junghundezeit jegliche Erwartungshaltung ablegen, und so wenig wie möglich Druck ausüben. Je mehr wir erwarten, um so unzufriedener werden wir, wenn es nicht klappt, und sehen gar nicht, was der Hund gerade toll macht. Erwartungen verdecken das freiwillige gute Verhalten.

Druck macht Stress. Und – du erinnerst dich – Stress ist sowieso genug vorhanden im Junghund. Die hohe Aktivität der Stressachse mit all ihren spannenden Reaktionen im Körper sorgt immer wieder für eine hohe Erregung. Die ist oft unser Gegenspieler, denn sie führt häufig zu einem Verhalten, das uns wenig gefällt. Bellen, Unruhe, zu viel und aufdringliche Bewegung, Angst, Aggression…alle möglichen Verhalten haben mit der hohen Aufregung zu tun.

Entspannung praktizieren

Entspannungstraining ist also eine gute Möglichkeit, auf unerwünschtes Verhalten direkt oder indirekt einzuwirken. Indirekt, weil durch das Training Entspannung für den Hund im Allgemeinen besser möglich wird, und er dadurch effektivere Erholungsphasen erlebt.

Direkt kann das konditionierte Entspannungswort helfen. In aufregenden Situationen senkt es das Erregungsniveau ein kleines Stück, und macht das Gehirn dadurch aufnahmefähig für  ein neues Signal.

Die Senkung der Aufregung verbunden mit einem Signal, was der Hund jetzt tun kann, wirkt positiv auf den Hund. Vorausgesetzt, das Signal ist positiv aufgebaut worden und nicht als Kommando. Wenn etwas nur mit Belohnungen verknüpft wurde, wirkt es logischerweise anders, als etwas, das auch mit Strafe verknüpft wurde. Belohnungen führen zu Vorfreude und Motivation, Bestrafungen zu Angst und Meideverhalten.

Signale mit Aufregung üben

Ein weiterer Schritt in der Junghundezeit ist, dass du deine Signale ganz bewusst übst, und zwar in aufregenden Situationen. Dafür probierst du zunächst aus, wodurch du deinen Hund in eine höhere Erregung bringen kannst. Nutze dabei alle Belohnungen, die dir einfallen. Und das ist hoffentlich nicht nur Futter!

Ein wildes Zerrspiel mit dir ist sicher mit einer höheren Aufregung gekoppelt als Leckerchen vom Boden aufsuchen, oder?

Ist der Ball mit mehr Aufregung verknüpft als ein Plüschtier? Oder umgekehrt?

Ist das Größte für deinen Hund, an der Reizangel zu hetzen?

Oder die Frisbeescheibe zu fangen?

Entspannt er prima, wenn er sich auf das Fangen von Leckerchen konzentriert?

Oder noch besser, wenn er die Futterstücke am Boden suchen kann?

Erstelle dir eine Liste von verschiedenen Belohnungen, und zwar in der Reihenfolge der geschätzten Erregung, die sie auslösen. Also am Anfang etwas ganz Entspanntes, dann etwas aufregender, noch aufregender usw.

Das Spiel mit den Aufregungen

Jetzt bist du gewappnet und kannst beginnen. Dein Hund muss nichts leisten, kein Signal befolgen oder irgendwie gehorchen. Du probierst nur aus, ob die Aufregung deines Hundes so wie geschätzt verläuft. Du gibst also einfach die notierten Belohnungen und beobachtest deinen Hund dabei: Steigt die Erregung mit jeder Belohnungsart mehr und mehr an? Und nimmt sie wieder ab, wenn du immer entspannendere Verstärker nutzt, bis der Hund am Ende ziemlich entspannt ist?

Super gemacht! Du weißt jetzt, wie hoch du deinen Hund in Erregung versetzen kannst, und kannst die Abstufungen gezielt nutzen für dein Training.

Signale in aufregenden Situationen üben

Überlege dir, an welchem Verhalten du üben möchtest. Nun versetzt du deinen Hund über die ausgesuchte Belohnung in die gewünschte Erregungslage.

Du gibst das Signal für das Verhalten, das du trainieren willst, in de Stärke der Erregung, von der du glaubst, dass dein Hund noch darauf hören kann..

Konnte dein Hund auf das Signal richtig reagieren? Super, beim nächsten Mal gehst du eine Erregungsstufe höher.

Er konnte nicht gut regieren? Dann probiere es eine Stufe tiefer, und später erneut in der schwierigeren Stufe.

Dieses Training versetzt dich und deinen Hund in die Lage, mit der höheren Aufregung besser umzugehen. Du weißt, welche Belohnungen in welcher Situation noch sinnvoll sind, und durch welche die Aufregung unnötig in die Höhe getrieben wird.

Es ist dir jetzt möglich, einfach über verschiedene Belohnungen die Erregung wieder herunter zu fahren, indem du nach und nach eine immer entspannendere Belohnungsart wählst.

Das Bild entsteht durch viele Puzzleteile

Es gibt – wieder einmal – keine einfache Lösung, mit der alle Probleme in der Junghundezeit schnell verschwinden.

Aber mit diesem Maßnahmenpaket kannst du das Verhalten sehr gut und freundlich in Bahnen lenken, die dir gefallen. Du unterstützt deinen Hund emotional und durch Informationen über gutes Verhalten. Wie sonst sollte er wissen, was du dir eigentlich vorstellst?

Wenn du zusätzlich auch die anderen Puzzleteilchen noch mit einbeziehst, wie zum Beispiel Routinen, einen guten Wechsel aus Aktivität und Ruhe sowie Managementmaßnahmen, kannst du auch und gerade mit deinem Junghund glücklich leben.

By |2018-07-13T13:11:17+00:00Juli 13th, 2018|Hundetraining allgemein|0 Comments

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Bettina Haas, Hundetrainerin aus Leidenschaft, zeigt dir, wie du zum besten Freund und Trainer für deinen Hund wirst. Damit du schnell und nachhaltig zum Erfolg kommst und dein Leben mit Hund (wieder) richtig genießen kannst!

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