Was du tun kannst wenn dein Hund Angst hat

Im ersten Teil „Dir passiert doch nichts!“ habe ich erklärt, wozu es Angst überhaupt gibt und wie die Funktionen im Körper dabei mitwirken.

In diesem Beitrag geht es um das Bearbeiten von Angstverhalten.

Du kannst die Stärke der Angst regulieren

Die Intensität von Angst wird beeinflusst durch weitere Emotionen. Wenn ein Hundehalter die Angst seines Hundes mit einem kräftigen Leinenruck quittiert, wird die Angst vergrößert durch diese negative Emotion. Ein anderer Hundehalter, der seinem Hund beim ersten Anzeichen von Angst oder einem Schrecken das Markersignal gibt und danach etwas Gutes zum Fressen anbietet, verringert die Angst seines Hundes.

Es ist äußerst wichtig, dass wir als Bezugspersonen unseres Hundes nicht zusätzlich negativ auf unseren Hund einwirken.

Aber stimmt das auch wirklich? Verstärken wir denn nicht die Angst, wenn wir dem Hund etwas Gutes geben, wenn er Angst zeigt? Wird die Angst dadurch nicht immer größer?

Angst kann nicht „verstärkt“ werden

Wir verstehen unter „Verstärkung“ die positive Verstärkung eines Verhaltens. Wer ein sicheres Sitz-Signal aufbaut, verstärkt das Sitzen durch motivationsgerechte Belohnungen. Dabei wird das Verhalten „Po geht auf die Erde“ verstärkt.

Angst ist erstmal kein Verhalten, sondern eine Emotion. Natürlich hat diese Emotion auch ein Verhalten zur Folge, aber es ist nicht ein bestimmtes Verhalten, wie wir in Teil 1 schon besprochen haben. Sondern jedes Individuum hat seine eigenen Strategien, die sich in der Vergangenheit als wirksam gezeigt haben.

Die Emotion Angst kann also nicht in dem Sinne verstärkt werden. Sie kann zwar durchaus stärker werden, wie gesagt zum Beispiel durch weitere negative Einflüsse. Aber nicht durch Einflüsse, die dem Hund gut tun.

Merke:

Angst kann nicht stärker werden durch Dinge oder Handlungen, die dem Hund gut tun.

Streicheln als Trost – gut oder schlecht?

Wenn du in einer Angst auslösenden Situation deinen Hund unterstützen möchtest, so achte bitte genau darauf, wie deine gedachte Unterstützung tatsächlich auf deinen Hund wirkt. Viele Hundehalter möchten ihren Hund beruhigend streicheln, wenn er Angst hat. Das kann auch helfen. Muss aber nicht.

Warum? Es kommt darauf an, wie es der Hund selbst empfindet. Manche Hunde finden die Berührung entspannend, andere stören sich eher daran. Dann würde das Streicheln seine Erregung erhöhen und seine Angst verschlimmern.

Oft ist es auch die Körpersprache des Menschen, die den Ausschlag gibt, ob das Streicheln gut oder nicht gut empfunden wird.

Vermeide folgende Handlungen:

  • Über deinen Hund beugen
  • Berühren von schmerzenden Körperstellen
  • Einschränkung der Bewegungsfreiheit durch umfassen/umarmen
  • untrainiertes Hochheben
  • In die Augen starren, hektisch reagieren

Es ist keine einfache Antwort auf die Frage zu finden:“Verschlimmert Trösten die Angst?“

Es kommt darauf an, wie du tröstest, und wie der Hund diese Bemühung tatsächlich empfindet. Das Trösten sollte die Erregung verringern, so dass dadurch auch die Angst verringert wird.

So hilfst du deinem Hund

Pauschale Lösungen gibt es wie immer nicht. Wie auch? Die Auslöser für Angst sind absolut vielfältig, die Stärke der Angst variiert, und die Möglichkeiten der Bezugspersonen, die Auslöser rechtzeitig zu bemerken sind auch nicht immer gleich.

Eindeutig klar ist nur:

Alles, was deinem Hund in der Angst machenden Situation gut tut, kannst du anwenden. Dazu gehört natürlich, dass du wirklich erkennst, wenn etwas deinem Hund gut tut. Wenn du die Zeichen kennst, die Angst signalisieren, kannst du entsprechend beobachten, ob sich die Angst verringert, indem diese körperlichen Zeichen geringer werden.

In manchen Fällen siehst du vielleicht auch sehr deutliche Signale deines Hundes, dass die Angst nachgelassen hat. Sich schütteln könnte so ein Zeichen sein. Oder Futter nehmen können, wenn das zuvor nicht möglich war.

Wenn du ihn berühren kannst, fühlst du den Herzschlag deines Hundes. Lässt er nach? Prima. Dann kannst du weiter machen mit dem beruhigenden Handling.

Wer wirklich im Hinterkopf hat, dass nicht alles, was uns Menschen tröstet, auch einem Hund gut tut, ist schon auf dem richtigen Weg. Sich selbst kritisch hinterfragen, genau beobachten, anstatt zu interpretieren ist ebenso wichtig. Denn allzu schnell interpretieren wir menschliche Empfindungen in das Verhalten hinein, anstatt durch genaues Beschreiben die Veränderungen zu bemerken, und erst danach zu fragen: Bedeuten diese Veränderungen eine Verringerung der Angst?

Nimm Hilfe in Anspruch

Wenn das Angstverhalten sehr stark ist, zögere nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wir Profis können mit anderen Augen auf das Problemverhalten schauen, und eine Verhaltensanalyse machen. Durch eine gründliche Auseinandersetzung mit allen Faktoren können wir dann viel gezielter  an der Angst arbeiten.

In vielen Fällen kann durch einen kontrollierten Einsatz des oder der Angstauslöser sehr zügig trainiert werden. Wenn das nicht möglich ist, sollte versucht werden, die Auslöser auf eine große Entfernung zu erleben, so dass der Hund nicht von seiner Angst überwältigt wird. Dann ist nämlich kein Lernen möglich im Sinne von Angstverminderung. Auch dabei kann ein gut ausgebildeter Trainer dir zur Seite stehen.

Bleibe selbst entspannt

Meiner Erfahrung nach ist das manchmal der schwierigste Teil des Trainings. Als Bezugsperson eines Hundes mit einem massiven Angstproblem kann man nicht „vollkommen entspannt“ daneben stehen, und seinem Hund dabei zuschauen, wie er vor Angst fast durchdreht. Man ist emotional eingebunden und leidet mit dem Hund mit.

Manche Halter schämen sich auch vor anderen Menschen, wenn ihr Hund so starke Reaktionen auf ganz normale Dinge zeigt. Auch auf uns Menschen wirkt Hintergrundstress: Wenn wir schon wissen, dass unser Hund in bestimmten Situationen nicht „normal“ reagiert, fühlen wir uns eingeschränkt und belastet, noch bevor wir überhaupt Gassi gehen.

Aber wir haben einen Vorteil gegenüber dem Hund: Wir können überlegen. Wir können über die Situation und unsere Gefühle nachdenken, und uns eine neue Handlungsweise ausdenken. Wir können sie sogar im Geist üben, ohne wirklich in der Situation sein zu müssen. Vielen meiner Kunden hat dieses Vorgehen schon geholfen. Ich selbst habe es angewendet, als ich vor Hundebegegnungen Angst hatte mit meinem ersten Hund. Das mentale Training war bahnbrechend!

Wissen, was du tun kannst

Du kannst viel leichter ruhig bleiben, wenn du weißt, was du tun kannst. Um Angst zu verringern, fügen wir häufig gute Dinge hinzu, also zum Beispiel gute Leckerchen. Dafür muss wie schon mehrfach erwähnt, die Stärke des Reizes so gering sein, dass Fressen möglich ist. Erst solche Übungsmöglichkeiten führen dazu, dass du dich wohler fühlen kannst. Du wirst merken, was genau du tun kannst, und dein Hund ist fähig, das anzunehmen. Schon seid ihr wieder verbunden miteinander, habt eine Kommunikation, und alles verändert sich.

Eine andere Möglichkeit ist, dass der auslösende Reiz verschwindet, oder dass du mit deinem Hund den Abstand selbst vergrößerst. Ein größerer Abstand wirkt belohnend, logisch. Dieser Lösungsansatz lässt deinen Hund die Erfahrung machen, dass das Bedrohliche gar nicht mehr so nah kommt, dass es ihm schlecht gehen muss, und dass es sogar vollkommen verschwindet. Bei Garantie einer vollkommenen Kontrolle des Reizes klappt das sehr gut. Man kann dann in weiteren Trainingsschritten den Reiz in immer näheren Abständen anbieten.

Wenn aber der Reiz auch unkontrolliert und entsprechend viel zu nah auftauchen kann, ist es wirkungslos.

Immer gut sichern

Angst führt häufig zu Flucht. Wer einen Hund hat, der Flüchten als Strategie gewählt hat, sollte dafür sorgen, dass der Hund immer mit einem Sicherheitsgeschirr gesichert ist, und an einer Leine läuft. Denn Flucht in Panik findet ohne Denken statt, und der Hund findet oft nicht wieder zurück zu seinem Ausgangspunkt. Abgesehen davon ist unsere Umgebung von zu vielen Straßen und anderen Gefahren durchsetzt, die eine Flucht einfach viel zu riskant machen.

Besonders betroffen sind Hunde mit Geräuschangst. Es ist ein nicht ganz einfacher Trainingsweg, den Hund von einer anderen Strategie zu überzeugen. Um das überhaupt möglich zu machen, muss die neue Strategie dem Hund unmittelbar gut tun. Bei Geräuschangst kann man zum Beispiel trainieren, dass der Hund seinen Kopf mit beiden Ohren zwischen die Beine steckt, um so sofort Linderung zu spüren.

Das ist auch ein gutes Beispiel für die Vielzahl an Möglichkeiten, die man ganz individuell für den jeweiligen Hund finden und aufbauen muss.

Zwei einfach Signale, die dir helfen

In vielen Fällen können Alltagssignale in den Angst auslösenden Situationen helfen, deinen Hund besser führen zu können. Ich habe dazu das Sitz und ein gemeinsames Bogenlaufen an lockerer Leine ausgewählt. Dazu müssen diese Signale allerdings in einer entspannten Umgebung wirklich gut klappen. Denn mit einer gefühlten Bedrohung ist alles viel schwieriger für deinen Hund. Übe also richtig gut, damit die beiden Signale ohne Probleme anzuwenden sind und deinem Hund sofort ein gutes Gefühl geben. Das erreichst du über für deinen Hund wertvolle Belohnungen und ein freundliches, entspanntes Training.

Sitz

Teste in einem entspannten Umfeld dein Sitz-Signal. Kannst du deinen Hund mit einem Wort zügig zum Sitzen bewegen? Setzt er sich ruhig hin, ohne sofort ängstlich zu reagieren, sofern kein Auslöser wahrnehmbar ist? Kann er auch schon etwas länger sitzen bleiben?

An lockerer Leine einen Bogen laufen

Wie sieht es aus mit der Leinenführigkeit? Kannst du jederzeit mit deinem Hund an lockerer Leine einen Bogen laufen, und er geht sofort mit dir mit?

Wenn diese beiden Grundlagen gut vorhanden sind, frische sie noch einige Male auf. Sind sie nicht verlässlich abrufbar, so kannst du daran in einem entspannten Umfeld trainieren.

Außerhalb der Trainingssituationen

Was solltest du tun außerhalb der Trainingssituationen? Ich vermute, dass du das bereits weißt. Du kannst ein freundliches Training über positive Verstärkung praktizieren, um bestimmte Signale wie das beschriebene Sitzen und gemeinsames Bogen laufen zu üben. Überhaupt ist ein vernünftiges Maß an Training mit positiver Verstärkung für die meisten Hunde eine gute Idee, denn sie lernen, dass sie ihre Umwelt durch ihr Verhalten beeinflussen können. Sie bekommen Zugang zu begehrten Ressourcen wie Futter, Spielzeug  oder Spiel, wenn sie auf die Signale achten und mitdenken.

Positives Hundetraining macht euch beiden Spaß und stärkt die Bindung. Das ist vielleicht der wichtigste Punkt für Menschen mit Hunden, die an einer Angstproblematik leiden. Beide brauchen ein starkes Band zueinander, um das Problem als Team gemeinsam zu bewältigen.

Außer einem guten Training gibt es natürlich noch vieles, was ihr tun könnt.

  • entspannte Bummelspaziergänge mit viel Umwelterkundung
  • fröhliche und wilde Spiele miteinander
  • Kuscheln draußen und drinnen
  • den Lieblingshobbys deines Hundes frönen (z.B. Mäuse buddeln)
  • Suchspiele, Schnüffelspiele
  • Kauartikel oder Futterbälle zum Entspannen

Der sichere Platz

Der letzte Punkt führt direkt zum sicheren Platz. Denn Kauartikel und Futterbälle kannst du gut auf diesem Platz geben, damit dein Hund eine positive Verknüpfung herstellt und den Platz gerne aufsucht.

So ein sicherer Platz ist die Grundlage für jedes weitere Training. Ein Hund, der zu Hause nicht entspannen und sich wieder erholen kann, ist nicht fähig zu lernen, wie er mit den Situationen besser umgehen kann.

Das trifft in besonderem Maße für die Hunde zu, die auch oder vor allem im Haus ängstlich reagieren. Manche Hunde haben Angst vor bestimmten Geräuschen von Geräten oder ähnliches, andere vor Geräuschen von außen.

Diesen Hunden kann eine Box als sicherer Platz helfen. Eine Box kann stärker von der Umwelt abschirmen als ein einfaches Hundebett. Besonders tobende Kinder bemerken nicht immer, wenn sie die Grenzen des Hundes körperlich überschreiten. Die Grenzen  einer Box helfen dazu, die Ruhezone des Hundes zu respektieren. Die Box sollte außerdem an einem ruhigen Ort der Wohnung stehen, den der Hund von alleine jederzeit aufsuchen kann.

Ausreichend lange und häufige Ruhezeiten sind äußerst hilfreich für Hunde mit einer Angstproblematik. Zu wenig Action und Beschäftigung sind aber andererseits auch nicht hilfreich. Ein an den Hund angepasstes Maß sollte gefunden und erhalten werden.

Hier steht nicht alles

Ich bin mir dessen bewusst, dass jeder noch so ausführliche Artikel das Thema nur anreißen kann. Ich kann dir leider kein Rezept geben, wie du die Angst deines Hundes weg trainieren kannst. Angst ist so vielschichtig, dass es keine allumfassende Lösung dafür gibt.

Wenn Trainer ein Problem bearbeiten, wird eine sehr ausführliche Verhaltensanalyse erstellt.

  • Das Verhalten selbst wird genau beschrieben.
  • Alles, was das Verhalten auslöst oder vor dem Verhalten auftritt wird beleuchtet.
  • Jede Folge des Verhaltens wird aufgelistet und beschrieben.  Und dann wieder die Reaktion des Hundes auf diese Konsequenzen.

Mit einer Verhaltensanalyse wird die Funktion des Verhaltens ermittelt, darum sprechen wir auch von einer „funktionalen Verhaltensanalyse“. Verhalten hat ja einen Zweck, und der ist nicht unwichtig.

Es gibt spezielle Fälle, die gemeinsam mit einem Tierarzt bearbeitet werden sollten. Manchmal hilft eine Medikation, um Lernen überhaupt möglich zu machen. Daran ist nichts Schlechtes.

Sicher werde ich über die Jahre weitere Blogposts schreiben, in denen ich vielleicht spezielle Formen von Angst und ihre Bearbeitung erkläre. Im Prinzip kann man nie genug darüber berichten, wie solche Probleme mit Herz und Hirn bearbeitet werden können.

Mein Ziel

Wenn es mir gelungen ist, dir zu vermitteln, dass dein Hund Angst nicht spielen kann, dass er nie mit Absicht Angst zeigt und dich damit auf keinen Fall ärgern will, dann ist schon viel geholfen.

Wenn dir außerdem klar ist, dass nette Worte alleine nicht genügen, um ihm die Angst zu nehmen, freue ich mich sehr.

Dein Hund reagiert so, weil er es gelernt hat. Seine Reaktion hat ihm bisher geholfen, mit der Situation umzugehen. Er kann sowohl die Angst wieder verlernen als auch die bisherige Reaktion. Er kann lernen, bei dir Schutz zu bekommen. Er kann erfahren, dass es ihm bei dir gut geht, egal was kommt. Er kann neue gemeinsame Strategien kennen lernen, wie ein gemeinsames Bogengehen um den Auslöser herum oder ein Kopf zwischen die Beine stecken bei Geräuschangst.

Sein Vertrauen in dich sollte unerschütterlich werden. Deine Liebe zu deinem Hund sollte nicht kleiner werden, sondern dir helfen, Verständnis und Geduld aufzubringen, und deinem Hund helfen, dir immer und überall zu vertrauen.

Appell an dich

  • Nimm das Problem deines Hundes ernst. Alleine nette Worte werden ihm nicht ausreichend helfen.
  • Du weißt, dass dein Hund seine Angst nicht „mit Absicht“ hat.
  • Dir ist klar, dass nicht nur du darunter leidest, sondern dein Hund genauso.
  • Versuche deshalb, selbst so gelassen wie möglich zu sein. Je souveräner du selbst sein kannst, um so besser kannst du deinem Hund helfen.
  • Strukturiere euren Tagesablauf sinnvoll. Routinen helfen deinem Hund und dir. Routinen dürfen leicht flexibel sein, sie sollen Halt geben ohne einzuzwängen.
  • Schaffe eine Entspannungszone für euch. Ja, auch du benötigst deine Aufmerksamkeit und Liebe, um die angestrebte Souveränität erreichen zu können. Gib gut auf dein Nervenkostüm acht und tue dir täglich Gutes. Dann kannst du deinem Hund ebenfalls Gutes tun.
  • Konditioniere ein Entspannungssignal (oder mehrere)
  • Nimm Hilfe in Anspruch. Bei ernsten Problemen macht es absolut Sinn. Es hilft dir und deinem Hund, das Problem schneller und sicherer zu bearbeiten.
  • Genieße so viel Zeit wie möglich mit deinem Hund in entspannter Umgebung. Habt einfach Spaß miteinander, erkundet die Natur, spielt miteinander und kuschelt auf einer Bank in der Sonne oder auf dem Sofa.