Gutes Verhalten einfangen – so geht`s!

Was ist Einfangen von Verhalten?

Wir möchten im positiven Hundetraining so wenig wie möglich negativ einwirken müssen. Darum liegt unser Fokus auf dem guten Verhalten. Wir schauen im Prinzip, wann unser Hund freiwillig gutes Verhalten zeigt, und belohnen es.

Freiwillig gezeigtes Verhalten zu verstärken (belohnen) ist ein sehr wichtiger Aspekt dabei. Warum sollten wir nur das Verhalten verstärken, das wir über ein Signal hervorrufen? Hunde tun so viel mehr am Tag, als auf unsere Signale zu hören!

Wenn wir die guten Ideen unseres Hundes gebührend honorieren, ersparen wir uns viel Trainingsarbeit. Warum? Tun wir es nicht, würde das Verhalten möglicherweise nicht mehr so häufig gezeigt werden. Es lohnt sich nicht für den Hund, sich ruhig zu setzen und zu schauen, denn viel mehr Beachtung erzielt er, wenn er bellt, hochspringt und in die Ärmel beißt. Und wir haben die Arbeit, ein neues, erwünschtes Verhalten aufzubauen.

„Jeder Hund zeigt immer gutes Verhalten…“

Ja, ich weiß, dein Hund zeigt nicht immer gutes Verhalten. Hey, lies mal den Satz zu Ende:

😄

…bevor er unerwünschtes Verhalten zeigt.“

Dr. Ute Blaschke-Berthold

 

Der Trick

Das ist genau der Trick. Du achtest in den Situationen auf gutes Verhalten, in denen du doofes Verhalten erwartest. Immer vor dem unerwünschten Verhalten tut dein Hund etwas, was noch nicht unerwünscht ist, oder sogar richtig gut bewertet wird. Nur sind wir alle so stark auf das doofe Verhalten fokussiert, dass wir gar nicht wahrnehmen,  was davor passiert.

Das ändern wir jetzt! Ab sofort schaust du in den schwierigen Situationen genau hin. Was geschieht, bevor  dein Hund unerwünschtes Verhalten anfängt?

Ein Beispiel:

Dein Hund springt hoch, bellt und/ oder beißt in Schuhe, Hose, Ärmel… von Besuchern, die zur Haustür herein kommen. Es kann auch sein, dass er das Gleiche tut, wenn du selbst nach Hause kommst.

Du trainierst jetzt zuerst deinen eigenen Blick auf das Verhalten:

Gibt es einen Moment, wo dein Hund noch nicht springt, bellt oder beißt?

Das ist er, der große Moment, deine Chance!

Du hast ein Markersignal aufgebaut. Jetzt ist es an der Zeit, es zu nutzen. Du sagst dein Markerwort genau in diesem Moment, und gibst deinem Hund eine Belohnung. Das wiederholst du, solange wie dein Hund noch nicht springt, bellt oder beißt.

Du wirst merken, wenn du immer wieder schnell genug dein Markersignal gibst und belohnst, tritt das unerwünschte Verhalten gar nicht auf! Dein Hund findet gar keine Zeit dafür.

Hier kannst du mehr lesen zum Thema Ruhige Begrüßung

Unerwünschtes Verhalten soll nicht auftreten

Das ist ja genau das, was du möchtest. Du willst, dass das unerwünschte Verhalten nicht auftritt. Dann sorge ab jetzt immer dafür. Du hast es in der Hand.

Du markierst und belohnst alles, was dein Hund vor dem potenziellen unerwünschten Verhalten tut.

Wenn / wenn er

  • alle 4 Pfoten am Boden sind
  • der Hund still ist
  • die Schnauze keine Kleidung oder Hände beißt
  • dich anschaut mit 4 Pfoten am Boden
  • Futter aufsammelt
  • sich setzt
  • dir die Hand leckt anstatt zu beißen
  • sich hinlegt und den Bauch streicheln lässt
  • sich an dich schmiegt
  • dir Spielzeug bringt

Alles ist gutes Verhalten, was nicht unerwünscht ist!!

Viel zu oft warten Menschen auf unerwünschtes Verhalten vor lauter Angst, dass es auftreten wird. „Gleich macht er es wieder…“ Das tust du jetzt nicht mehr, falls du es getan hast. Du stellst dir die vielen tollen Sachen vor, die dein Hund tun kann und wird, und die du belohnen wirst.

 

Training gibt Informationen

Dein Hund bekommt dabei folgende Informationen:

  • was alles gutes Verhalten ist
  • was er alles tun darf und worüber du dich freust
  • was sich lohnt zu tun
  • dass es sich gut anfühlt, das zu tun
  • dass du dabei glücklich bist

Es ist also nicht einfach „Ablenkung“. Ganz im Gegenteil. Ablenkung wäre es, wenn du ohne Markersignal einfach nur Futter streust. Aber dennoch lernt dein Hund auch dabei etwas.

Mit Markersignal ist es aber Hunde-Welt-bewegend, was du tust. Dein Hund lernt schnell und freundlich, welches Verhalten dir gefällt in der Situation. Er beruhigt sich, weil er endlich genaue Auskünfte bekommt. Stress wird nämlich häufig selbst erzeugt durch unklare Informationen. Dieses Training gibt dem Hund ganz klare Informationen.

 

Verstärkung = Belohnung?

Ist nun eine Verstärkung das selbe wie eine Belohnung? Nicht ganz. Wenn du passende Belohnungen findest, hat deine Belohnung eine verstärkende Wirkung auf sein gutes Verhalten. Passen die Belohnungen nicht, verstärken sie das Verhalten auch nicht.

Das gilt es also noch herauszufinden. Was genau möchte dein Hund eigentlich in dieser Situation? Tut es ihm auch gut, oder macht ihn das, was er will, am Anfang zu aufgeregt?

Beispiel Begrüßung:

Natürlich ist die Motivation des Hochspringens, Bellens und Beißens, dass dein Hund dich gebührend begrüßen möchte. Du bist der Nabel seiner kleinen Welt, und dass du weg warst, war schlimm genug. Nun bist du wieder da, und er will dir sagen, wie sehr du ihm gefehlt hast.

Insofern wäre Streicheln eine motivationsgerechte Belohnung. Die Praxis zeigt aber, dass das für viele Hunde zu einer hohen Aufregung führt, und dann sofort wieder unerwünschtes Verhalten auftritt. Dann nutze ich dabei gerne Futter, um Anfangs den Hund etwas zu beruhigen durch das Aufsammeln am Boden und das Fressen. Es werden dabei bestimmte Stoffe ausgeschüttet im Körper des Hundes, die für eine gewisse Entspannung sorgen.

Danach kann man seinen Hund dann auch streicheln, wenn die größte Aufregung sich gelegt hat.

Mehr zum Thema Belohnungen findest du hier: Finde heraus, was deinem Hund wirklich Spaß macht

6 Gründe, warum dein Hund nicht dick wird durch Futterbelohnungen

Der Ort der Belohnung

Ich habe gerade angesprochen, dass ich Futter auf den Boden lege, und der Hund es von dort aufsammeln kann. Damit gebe ich dem Hund eine weitere Information:

Kopf runter! 4 Pfoten am Boden!

Das Fressen der Leckerchen geht nur, wenn er den Kopf herunter nimmt. Das ist das genaue Gegenteil von Hochspringen. Damit ist vom Boden fressen ein sehr gutes Alternativverhalten zum Hochspringen.

Mit dem Ort der Belohnung gibst du also auch eine wichtige Information für das von dir erwünschte Verhalten. Je öfter dein Hund seinen Kopf senkt und Futter vom Boden aufsammelt, anstatt zu springen und zu beißeln, um so schneller lernt er das neue Verhalten.

Denn in den Gehirnverknüpfungen wird durch das „immer wieder tun“ eine stabile Bahn geschaffen, die dann später noch wirkt, wenn du schon gar kein Futter mehr streuen musst.

 

Begrüßung leicht gemacht

Bleiben wir noch mal beim Beispiel Begrüßung. Was genau musst du jetzt tun, um deinem Hund die richtige Information über erwünschtes Verhalten zu geben?

  • Nutze die Zeit vor dem unerwünschten Verhalten
  • Markiere und belohne gutes Verhalten
  • Wiederhole das so schnell wie du kannst
    • damit das unerwünschte Verhalten gar nicht auftreten kann
  • Gib das Futter auf den Boden zum Aufsammeln
  • Nutze gleich mehrere Bröckchen, damit du es leichter hast, schnell genug zu sein
  • Lobe deinen Hund dazu mit ruhiger Stimme
  • Freue dich am guten Verhalten und zeige es auch, indem du wieder markierst und belohnst
  • Wenn dein Hund deutlich ruhiger geworden ist, darfst du gerne versuchen, ihn zu streicheln
    • tritt daraufhin wieder unerwünschtes Verhalten auf, warte kurz, bis alle 4 Pfoten am Boden sind und markiere und belohne weiter
    • verschiebe die Streichel-Begrüßung auf später

Die Kurzform:

  • Markiere und belohne gutes Verhalten
  • Wiederhole das so schnell, dass dein Hund kein unerwünschtes Verhalten zeigen kann

Einfach, oder?

 

Die Tricks und Tipps auf andere Situationen ausweiten

Dieses Vorgehen kannst du auf andere Situationen übertragen. Wo immer es eine für euch schwierige Situation gibt, kannst du dir überlegen, welches Verhalten du anstelle des unerwünschten Verhalten sehen möchtest. Verlange aber nichts zu Schwieriges von deinem Hund, sondern fokussiere dich wieder auf freiwillig gezeigtes Verhalten.

Was dein Hund von selbst tut, ist nicht zu schwierig für ihn! Es muss nur verstärkt werden, damit er erfährt, dass das gutes Verhalten ist, und dir gefällt.

Vermutlich ist das Futterstreuen auf den Boden eine gute Strategie für viele Situationen. Ich zeige zum Beispiel Hunden auf diese Weise, dass ich zuerst aus der Haustür schauen möchte, um unerwünschte, plötzliche Begegnungen mit Katzen, Hunden & Co. zu verhindern. Ich streue ein paar Leckerchen hinter mich, und während der Hund sie aufsammelt, öffne ich die Haustür. Sobald ich draußen abgesichert habe, dass die Luft rein ist, gebe ich das nächste Leckerchen neben mich oder leicht hinter mich. Das kann ich noch einige Male wiederholen, was dazu führt, dass der Hund befriedigt und entspannt zur Haustür heraus geht, anstatt sofort zu ziehen und „ab geht die Post“ davon zu stürmen.

 

Warum ist das so effektiv?

Das ist deshalb so effektiv, weil wir nicht unangenehm einwirken müssen und kein unerwünschtes Verhalten stoppen müssen. Sondern wir sorgen dafür, dass es gar nicht erst auftritt.

Dadurch wird es auch nicht wieder und wieder geübt. Denn das darfst du nicht vergessen: Wir üben gutes Verhalten, damit der Hund es lernt. Genau so lernt er natürlich auch unschönes Verhalten, indem er es immer wieder tun kann.   

Das Verhindern von unerwünschtem Verhalten gehört also unbedingt zu einem guten Training dazu. Verhindern über zugefügte Strafe macht im echten Leben kaum Sinn, im Labor kann es durchaus gut funktionieren. Im echten Leben ist es ein großes Wagnis, was genau der Hund mit der angewendeten Strafe verknüpft. In den meisten Fällen begreift der Hund nicht, dass es um sein Verhalten geht, sondern merkt sich nur, dass es in dieser Situation gefährlich zugeht.

Beispiel:

Unsere damalige Trainerin wollte meinem Hund Charly beibringen, nicht an ihr hochzuspringen. Sie animierte ihn also zum Springen, und rammte ihm das Knie in die Rippen.

Der „Erfolg“: Charly war ab dem Zeitpunkt im Konflikt bei Begrüßungen jeder Art, und reagierte aggressiv auf fremde Menschen, die ihm zu nahe kamen. Das Nicht-Hochspringen hat er dabei nicht gelernt!

Ich bin sehr froh, heute so viel über Training, das Lernverhalten von Hunden und über die Motivation von Hunden zu wissen, dass ich auf solche Methoden locker und entspannt verzichten kann…und dabei schneller und nachhaltiger zum Erfolg komme.

Einfangen von Verhalten einfach so

Wer den Anfang gemacht hat mit dem Einfangen von Verhalten kann auch dort weiter machen, wo es gar nicht um das Verhindern von unerwünschtem Verhalten geht. Zum Beispiel kann man ganz einfach den Blickkontakt einfangen, sobald der Hund ihn freiwillig zeigt. 

Damit kommt es gar nicht dazu, dass man nach einigen Monaten sagt: „Der schaut mich überhaupt nicht an!“ weil man es von Anfang an verstärkt hat.

So kann jedes freiwillige Verhalten, das du dir von deinem Hund wünschst, eingefangen und verstärkt werden.

  • in deiner Nähe gehen beim Gassi
  • dich anschauen, bevor dein Hund in die Hundewelt abtaucht und buddelt
  • zu dir kommen
  • geduldig warten, wenn du fotografierst
  • ruhiges Warten, bis der Futternapf gefüllt ist
  • Entspanntes Verhalten vor dem Gassi bei der Haustür
  • zu dir wieder aufschließen, nachdem etwas anderes wichtiger war
  • einen Bogen gehen um fremde Menschen anstatt sie anzuspringen
  • das gefundene Fressen ausspucken (bevor er es sicher wieder nimmt…aber Übung macht den Meister!)

Was möchtest du verstärken? Schreibe es dir jetzt 1 – 3 Verhalten auf und berichte mir davon, per E-Mail an info@bettina-haas.com oder in der Facebook-Gruppe: Train with the brain

Gutes Training macht Spaß

Gutes Hundetraining macht richtig Freude, denn man sieht den Hund mit seiner Motivation und in seiner Hundewelt mit anderen Augen. Hunde – alle Hunde – haben so viele Stärken, und die wollen wir herauskitzeln. Das funktioniert ganz einfach, indem wir genau diese guten Seiten unseres Hundes beachten und dem Energie schenken, was uns gut gefällt. Und  indem wir kaum das unerwünschte Verhalten beachten, und auch  so wenig wie möglich Energie dort investieren.

Wir wissen heute, dass wir die Dinge anziehen, die wir denken. Wer also immer wieder nur an seinem Hund herumnörgelt, und auf doofes Verhalten wartet, um dann zu schimpfen, der zieht mehr davon an.

Wer die Stärken seines Hundes sieht, und außerdem versteht, dass er uns nicht ärgern möchte mit dem, was er tut, sondern dass das einfach Hundeverhalten ist, der kann ganz anders reagieren und denken.

Trainiere mit positiver Verstärkung und du ziehst gutes Verhalten an.

Viel Vergnügen beim Üben!